Türkei in der Flüchtlingskrise Überfordert und enttäuscht

Die türkischen Polizisten benehmen sich weit weniger ruppig als ihre ungarischen Kollegen. Doch die Türkei ächtzt unter der Last der Flüchtlinge.

(Foto: AFP)
  • Die türkische Polizei hindert Hunderte Flüchtlinge an der Weiterreise in die EU.
  • Die Asylsuchenden klagen über eine sklavenähnliche Behandlung in dem Land und wagen sich immer öfter auf den Seeweg nach Griechenland.
  • Die Türkei ist mit der Situation als Aufnahme- und Transitland überfordert und fühlt sich von der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen.
Von Luisa Seeling

Raus, nur raus wollten sie. Vor ein paar Tagen machten sich Hunderte syrische Flüchtlinge zu Fuß auf den Weg von Istanbul in die westtürkische Grenzstadt Edirne. Von dort wollten sie weiterreisen in die EU-Länder Bulgarien oder Griechenland. Die Polizei stoppte sie, verfrachtete sie in Busse und brachte sie ins Landesinnere zurück, in die Provinzen, in denen sie sich nach ihrer Flucht aus Syrien registriert hatten. Sie müssten in der Türkei wie Sklaven schuften, würden wie Tiere behandelt, sagten die Flüchtlinge zu Journalisten. Es gebe für sie hier keine Zukunft.

Die Türkei hat viel Applaus bekommen für ihre Aufnahme syrischer Flüchtlinge. Mehr als 1,9 Millionen Syrer sind hier als Flüchtlinge registriert. Hinzu kommen laut Experten weitere 200 000 Syrer, die inoffiziell im Land sind, sowie 200 000 Flüchtlinge anderer Nationalitäten - etwa Iraker und Afghanen. Die türkische Regierung hat nahe der syrischen Grenze Flüchtlingslager errichtet. Sie gelten im internationalen Vergleich als vorbildlich, die New York Times etwa pries die Containerstadt in Kilis als "das perfekte Flüchtlingslager".

Türkei fühlt sich im Stich gelassen

Doch längst nicht alle Flüchtlinge haben dort einen Platz gefunden. Nun aber kippt in dem Land die Stimmung. Die türkische Regierung fühlt sich alleine gelassen. "Das Konzept der Lastenaufteilung ist zu einer bedeutungslosen Worthülse verkommen", klagte der türkische Premier Ahmet Davutoğlu jüngst in einem Gastbeitrag in der FAZ. Die internationale Gemeinschaft habe die Türkei als Pufferstaat "zwischen Chaos und Europa" im Stich gelassen. So sehen es viele in dem Land.

Die Türkei habe ihre Türen geöffnet, als im Nachbarstaat die humanitäre Katastrophe begann. Nun aber sei die Last kaum mehr tragbar. Fast sieben Milliarden Euro hat Ankara nach eigenen Angaben ausgegeben. Die internationale Gemeinschaft schoss gerade mal 400 Millionen Euro zu. Soeben beschlossen die EU und ihre Mitgliedsstaaten, tiefer in die Tasche zu greifen: Eine Milliarde Euro haben sie der Türkei zusätzlich in Aussicht gestellt.

Verhängnisvoll Fehleinschätzung

Vor allem aber sind die sozialen Kosten für die Türkei hoch. Es knirscht gewaltig im gesellschaftlichen Gefüge, insbesondere in den großen Metropolen und in Städten an der syrisch-türkischen Grenze. In einigen leben schon genauso viele Flüchtlinge wie Einheimische - unter teils erbärmlichen Bedingungen.

Das liegt auch an einer verhängnisvollen Fehleinschätzung: Die Regierung in Ankara glaubte zunächst, Syriens Machthaber Baschar al-Assad werde schnell stürzen, sodass die Geflohenen wieder in ihre Heimat zurückkehren können. Inzwischen setzt sich die Erkenntnis durch, dass aus dem Besuch der "Gäste" - so die Sprachregelung für syrische Flüchtlinge - ein Dauerzustand geworden ist.

"Mindestens 80 Prozent der Flüchtlinge werden ganz oder zumindest auf Jahre in der Türkei bleiben", schätzt der Migrationsforscher Murat Erdoğan von der Hacettepe-Universität in Ankara.

Einen auf Dauer angelegten Status haben die Flüchtlinge aber nicht. Zwar hat die Türkei die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 unterzeichnet. Der darin vorgesehene Flüchtlingsstatus gilt aufgrund einer historischen Regelung, die in der Türkei nie aufgehoben wurde, aber nur für Europäer.

Außereuropäische Flüchtlinge wie die Syrer werden geduldet, können aber kein Asyl beantragen und bekommen in der Regel keine Arbeitserlaubnis. Dieser Status, so der Politologe Halil Gürhanlı, beruhe auf dem Wohltätigkeitsgedanken, biete den Flüchtlingen aber keine Rechtssicherheit.