Von Christiane Schlötzer

Die Türkei bekundet den USA Solidarität und sorgt sich gleichzeitig, in die Rolle eines Frontstaates zu geraten.

(SZ vom 17.9.2001) - "Langer Krieg" titelt die türkische Zeitung Milliyet, und Premier Bülent Ecevit persönlich verkündet, dass allen Soldaten der Urlaub gestrichen ist, um für "jede Operation" bereit zu sein. Für die politische Elite Ankaras ist Solidarität mit dem Nato-Partner USA keine Frage.

Anzeige

Doch gleichzeitig wächst die bange Besorgnis, die Türkei könne wegen ihrer geografischen Lage in einem längeren Konflikt zwischen der westlichen Allianz und Terrorgruppen im mittleren Osten rasch in die Rolle eines Frontstaates geraten. Das gesamte Kabinett "bete" darum, dass keiner der Terroristen "aus unserer Umgebung stammt", schrieb die regierungsnahe Hürriyet unmittelbar nach der Apokalypse in Amerika.

Strategische Bedeutung

Zwar richtet sich der Fokus Washingtons nun vor allem auf Afghanistan. Dies hat türkische Ängste aber nicht gedämpft, denn US-Präsident George W. Bush hat einen "umfassenden Angriff auf den internationalen Terrorismus angekündigt", und der radikale Islam ist auch in Nachbarschaft der Türkei zu Hause.

Türkische Militärs kommentieren dies nicht offen, aber in heiklen Fragen melden sich gern Ex-Generäle in den Medien zu Wort. So warnt Sadi Ergüvenc, ein früherer Luftwaffengeneral, die USA könnten "versucht sein, von ihrer Macht in der Region Gebrauch zu machen und sie für eigene Zwecke nutzen". Ziel in einem solchen Fall wäre womöglich der Irak.

Mit dem Nachbarn Irak, aber auch mit Syrien und sogar mit Iran hat Ankara erst jüngst seine politischen und wirtschaftlichen Beziehungen verbessert - begleitet von misstrauischen Blicken aus Washington. Von der Militärbasis im türkischen Incirlik starten aber auch amerikanische und britische Kampfjets zur Überwachung der nach dem Golfkrieg vor zehn Jahren eingerichteten Flugverbotszone im Norden des Irak.

In Incirlik traf bereits zusätzliches US-Personal ein, und Milliyet meldet, Washington habe Ankara gebeten, auch Basen in Diyarbakir und Malatya nutzen zu können. Von dort aus, zitiert die Zeitung einen ungenannten hohen türkischen Militär, sei der gesamte mittlere Osten zu erreichen.

Saddam läßt sein Volk jubeln

Der irakische Staatschef Saddam Hussein hat die Terrorakte in den USA über seine gelenkten Medien bejubeln lassen. Die USA warnte der Diktator in Bagdad bereits vor einem "neuen Kreuzzug" gegen "ein islamisches Land". Saddam nimmt den Islam ebenso für sich in Anspruch, wie das Osama bin Laden tut. Die Türkei ist ein laizististisches Land, in dem Staat und Religion getrennt sind. Die Mehrheit der Bürger aber sind Muslime.

Türkische Ängste richten sich daher auch auf dumpfe anti-islamische Gefühle, die das Land und seine Bürger treffen könnten. Große türkische Unternehmen sind Teil einer globalisierten Ökonomie. Türken säubern nicht nur deutsche U-Bahnhöfe, sie studieren auch an amerikanischen Universitäten.

Arzu Karabay, eine junge Genetikerin, die 16 Stunden vor der Explosion des World-Trade-Centers nach Istanbul zurückkehrte, erzählt, sie habe schon vor dem 11. September in den USA oft Vorurteile gespürt. Sympathien für einen radikalen Islam hegt in der Türkei nur eine kleine Minderheit. Ihre Stimmung artikulierte als einziges Blatt die islamistische Zeitung Akit mit der schadenfrohen Zeile: "Wer mit dem Feuer spielt, brennt selbst."

Recai Kutan und Tayyip Erdogan, die Führer der beiden erst jüngst gegründeten islamischen Parteien (nach dem Verbot der Fazilet Partisi) verurteilten die Anschläge sofort. Erdogan betonte: "Terrorismus hat keine Religion." Verbreiteter als ein militanter Islam sind antiamerikanische Ressentiments. Die strikten Auflagen des Internationalen Währungsfonds (IWF) für das krisengeschüttelte Land haben solche Stimmungen zuletzt eher verstärkt.

Sie werden auch von Teilen der türkischen Linken mitgetragen. So applaudierten im türkischen Show TV Studenten einem Redner, der die Angriffe auf die Vereinigten Staaten guthieß. "Abscheulich" nannte dies der prominente Kommentator Mehmet Ali Birand.

Parallele zu Öcalan

Zur eigenen Rolle in einer instabilen Region hat Ankara ein zwiespältiges Verhältnis. Einerseits streicht man gern die "strategische Bedeutung" des Landes heraus. Andererseits ist Ankaras Politik sehr binnenorientiert - so sehr, dass erste Reaktionen nach den Anschlägen in den USA von trotziger Rechthaberei geprägt waren. Die Türkei, so sagte Regierungschef Ecevit, habe "immer Solidarität mit den USA gegen den Terrorismus" gezeigt.

Dies aber habe Ankara in seinem 15 Jahre langen Kampf gegen den "separatistischen Terror" der kurdischen Arbeiterpartei PKK in Europa vermisst. Auch viele Medien zogen eine Parallele zwischen PKK-Chef Abdullah Öcalan und Osama bin Laden. "Man stelle sich vor, bin Laden kommt nach Italien und wohnt in einer Villa, bis er zum griechischen Konsulat in Kenia weiterreist", höhnte Kommentator Fikret Bila im Nachrichtensender NTV. Öcalan war im Februar 1999 in Kenia von türkischen Geheimdienstagenten gefasst und auf die türkische Gefängnisinsel Imrali gebracht worden.

Zu stolz sollte auch die Türkei nicht auf ihre Anti-Terrorbilanz sein, warnt dagegen Mehmet Birand. "Haben wir nicht die tschetschenischen Aktivisten geschützt und so getan, als bekämen wir von den Aktivitäten der Muslim-Brüder nichts mit ?", fragt er. Die türkische Hizbullah, eine Splittergruppe, wird von Ankara seit einiger Zeit nun bekämpft.

Einst aber wurde sie von der Gendarmerie gepäppelt, um die PKK zu jagen. Als am Freitag weltweit in Gedenkminuten der Terroropfer gedacht wurde, hat sich die Türkei ausgeklinkt. Sogar das Staatsblatt Hürriyet fand dies kleinkariert. Eine gute Gelegenheit für die Türkei, so das Staatsblatt, volle Verbundenheit "mit 800 Millionen Bürgern in Europa" zu zeigen, sei so verpasst worden.

Leser empfehlen