Angriffe auf IS Türkische Bomben stören den Kalifen nicht

Ein türkisches Militärflugzeug landet auf der Luftwaffenbasis Incirlik unweit der Grenze zu Syrien.

(Foto: REUTERS)

Ein Naher Osten, der im Krieg versinkt, ist eine Wohlfühl-Landschaft für den Islamischen Staat.

Kommentar von Tomas Avenarius

Heutzutage noch Krieg zu führen, ja einen Waffengang bewusst zu suchen, erscheint den meisten Menschen in Europa als ebenso verwerflich wie unsinnig. Im 21. Jahrhundert werden Interessen nicht durchgebombt, sondern in zähen Verhandlungen durchgesetzt. Bei der Terrormiliz Islamischer Staat ist das anders. Mit einem Attentat in einem türkischen Grenzort haben die Dschihadisten Ankara den Krieg erklärt. Die Türken bombardieren den IS jetzt, an der türkisch-syrischen Grenze gibt es Schusswechsel zwischen türkischen Soldaten und den Militanten des "Kalifats". Bedrohlicher noch für den IS: Die Türkei erlaubt der US-Luftwaffe nun, die Basis Incirlik für Luftangriffe in Syrien und im Irak zu nutzen. Eben dort herrscht das Kalifat.

Der Bombenregen aus türkischen und amerikanischen Jets dürfte die Reihen der Militanten lichten. Den Kalifen Ibrahim stört das nicht. Er hat genau das beabsichtigt, als er seinen Selbstmordbomber über die Grenze schickte. Je mehr Krieg und je mehr Gegner, desto länger kann der IS-Führer seinen Gefolgsleuten vormachen, sie nähmen teil an einer endzeitlichen Schlacht zwischen Gläubigen und Heiden, sprich dem Rest der Welt.

Ein Naher Osten, der im Krieg versinkt, ist eine Wohlfühl-Landschaft für den Islamischen Staat. Wo gekämpft wird, muss der Staat nicht liefern, muss er Versprechen nicht erfüllen. Stattdessen können seine Führer ihre ideologiegetriebenen Gewaltfantasien mit Steinigungen und Enthauptungen ausleben, sich ihren kriminellen Machenschaften dank der zusammengeplünderten Konkursmasse des Krieges hingeben. Noch mehr Krieg ist das Beste, was dem IS passieren kann.

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Wie der Kalif den Propagandazirkus am Laufen halten kann

Für die Türkei stellt es sich anders da. Bisher haben Amerikaner, Franzosen und Briten das Kalifat im Irak und in Syrien nur aus der Luft angegriffen, das ist eine risikoarme Kriegsführung. Jetzt hingegen steht das Nato-Mitglied Türkei dem Dschihadisten-Korps an der 900 Kilometer langen syrisch-türkischen Grenze gegenüber. Der Kalif, der einige wenige Zehntausend Kämpfer und keine startklaren Jets hat, kann keine Offensive starten. Aber die Abnutzungslogik eines asymmetrischen Kriegs könnte Ankara dazu bewegen, es mit Bodenoperationen zu versuchen. Das hofft der Kalif. Dann könnte er neuen Kriegsgefangenen die Köpfe abschlagen lassen und so seinen Propagandazirkus am Laufen halten.

Auch innenpolitisch birgt die Entwicklung für die Türken Risiken. In einem sunnitischen Land finden sich immer Sympathisanten der Kalifats-Idee, das wird die Gesellschaft belasten. Vor allem aber wirft Ankara die Kalifats-Kämpfer nun in einen Terror-Topf mit der PKK. Die Kurdenmiliz war und ist zweifelsohne eine Terrortruppe. Zugleich aber ist sie in Syrien eine der stärksten Kohorten gegen das Kalifat. In Syrien mit der PKK gegen den IS kämpfen und in der Osttürkei Bomben auf die Kurden-Milizionäre werfen - das wird nicht gehen. Und die Hoffnung darauf, dass Ankara und die Kurden nach 30 Jahren Krieg in Ostanatolien einen Frieden aushandeln, schwindet.

Die Türkei spielt in Syrien eine ungute Rolle. Sie hat die Anti-Assad-Rebellen stets gestützt, auch wenn Fundamentalisten das Wort führten. Selbst beim IS war sie angstfrei. Ankara hat den freien Grenzverkehr der Kalifatskämpfer nach Syrien geduldet. Diese Politik heimlicher Gemeinsamkeit scheint nun beendet zu sein. Wenn es aber der Plan ist, nun gegen "alle Terroristen" vorzugehen, wie Ankara ankündigt, wird die Türkei nicht nur gegen das Kalifat Krieg führen, sondern gleichzeitig gegen die Kurden. Das wird schwer.

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