Türkei gegen IS Ein Land hat Angst - ein Land nimmt Rache

  • Am Montag zündet ein mutmaßlicher IS-Anhänger in der türkischen Grenzstadt Suruç eine Bombe und tötet 31 Menschen. Am Dienstag töten Anhänger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK zwei türkische Polizisten. Am Donnerstag kommt es zu Gefechten mit dem IS im Grenzgebiet, bei denen der türkische Soldat Yalçın Nane stirbt.
  • In der Türkei geht eine furchtbare Woche zu Ende.
  • Das Land führt nun Krieg gegen den IS, auch mit Luftschlägen in Syrien. Gleichzeitig geht die Regierung auch wieder mit voller Härte gegen die PKK vor.
Von Mike Szymanski, Istanbul

Die Maskenmänner sind in der Stadt. Bullige Gestalten, die Sturmmasken lassen nur Augen und Münder erkennen. Die Spezialkräfte der Polizei sind Freitag ganz früh gekommen, der Tag in Istanbul hat noch gar nicht richtig begonnen. Flink bewegen sie sich durch Hauseingänge, die Finger am Abzug ihrer Maschinenpistolen. 5000 Polizisten sind allein in Istanbul im Einsatz - auf Terroristenjagd.

Ein Militärstützpunkt in Diyarbakır, gut 1000 Kilometer Luftlinie südöstlich von Istanbul entfernt. Um 3.12 Uhr steigen drei F-16-Kampfjets auf. Ihr Ziel ist das türkisch-syrische Grenzgebiet. Sie bombardieren zwei Hauptquartiere und einen Sammelpunkt der Terrororganisation Islamischer Staat (IS). Später heißt es, 35 Extremisten seien tot. Gegen Mittag spricht Premierminister Ahmed Davutoğlu über den Einsatz: "Wer uns Schaden zufügt, muss den zehnfachen Preis zahlen."

In der Nacht zum Samstag gehen die Angriffe weiter.

Ein Land hat Angst. Ein Land nimmt Rache. Eine furchtbare Woche geht in der Türkei zu Ende.

Am Montag hat ein mutmaßlicher IS-Anhänger in der türkischen Grenzstadt Suruç eine Bombe in einem Kulturzentrum gezündet und 31 Männer und Frauen mit sich in den Tod gerissen. Sie wollten helfen, die durch Kurden vom IS zurückeroberte Stadt Kobanê wieder aufzubauen. Am Dienstag töten Anhänger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK zwei türkische Polizisten, die mit dem IS gemeinsame Sache gemacht haben sollen. Von dem Zeitpunkt an geht der Staat auch wieder mit aller Härte gegen die PKK vor. Am Donnerstag kommt es zu Gefechten mit dem IS im Grenzgebiet, bei denen der türkische Soldat Yalçın Nane stirbt. Die Militäroperation vom Freitag trägt seinen Namen: "Märtyrer Yalçın". Die Türkei führt jetzt Krieg - gegen den IS, aber auch wieder gegen die PKK.

Türkei greift IS an - Großrazzien im ganzen Land

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Auf einmal will Ankara eine Milliardensumme in den Grenzschutz investieren

Es ist kein einfacher Tag für Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan. Nach dem Freitagsgebet nimmt er sich Zeit für ein Gespräch mit Journalisten. Eine Reporterin erzählt ihm, dass die Leute Angst hätten vor Anschlägen. Sie würden sich nicht mehr hinaustrauen. Erdoğan sagt, die Bürger müssten keine Angst haben. Die Sicherheitsbehörden und das Militär würden mit "Entschlossenheit" gegen die Terroristen vorgehen.

Die Türkei hatte in ihrer Syrienpolitik bisher andere Ziele verfolgt. Sie wollte das Assad-Regime stürzen, von dem Erdoğan enttäuscht war, weil es das Land in den Bürgerkrieg gestürzt hatte. Die Türkei wollte auch verhindern, dass die kurdischen Kämpfer in Nordsyrien einen eigenen Staat schaffen. Der IS? Für Erdoğan waren die Islamisten nicht das große Problem.

Beim Kampf der internationalen Allianz gegen den IS hielt sich die Türkei auffällig im Hintergrund. Die Grenze blieb für Terrortouristen durchlässig, was auch die Verbündeten im IS-Kampf ärgerte.

Seit Suruç ist alles anders. US-Präsident Barack Obama und Erdoğan haben nach dem Anschlag telefoniert. Plötzlich bewegt sich die Türkei. Auf einmal will die Türkei eine Milliardensumme in den Grenzschutz investieren. Lange hatte sich Erdoğan gewehrt, der US-geführten Allianz die Nutzung des Luftwaffenstützpunktes Incirlik zu erlauben. Die Basis liegt in der Provinz Adana, nur gut 100 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt und ist von großer strategischer Bedeutung. Nun soll die US-Luftwaffe den Stützpunkt in einem "gewissen Rahmen" nutzen dürfen, sagt Erdoğan am Freitag.

Von Incirlik aus könnten die USA nicht nur mit Flugzeugen, sondern auch mit Kampfhubschraubern im Norden Syriens eingreifen. Der Stützpunkt liegt zudem näher an der nordirakischen Grenze als Stützpunkte in den Golfstaaten, von denen aus die Allianz bisher Angriffe gegen IS-Stellungen fliegt. Bisher hatte die Türkei nur humanitäre Hilfsflüge und Aufklärungsflüge von Incirlik aus erlaubt, um militärisch nicht weiter in den Konflikt hineingezogen zu werden.

So viel Ehrgeiz wie am Freitag hatte die Türkei noch nie gezeigt: Bei der Razzia in Istanbul und zwölf Provinzen, bei der Islamisten aufgespürt werden sollten, nahmen Spezialeinheiten mehr als 290 Terrorverdächtige fest, in Istanbul allein etwa 100. Die Aktion richte sich genauso gegen PKKler und linksextremistische Gruppen, hieß es. In einer Wohnung kam es zu einem Schusswechsel, ein Verdächtiger wurde getötet.

Günter Seufert, Türkeiexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, hat den Umgang Erdoğans mit Syrien und dem IS lange verfolgt. Er sagt: "Was wir heute sehen, ist eine Umkehr der Strategie. Das ist eine vollkommen neue Wendung." Erdoğan sei letztlich nichts anderes übrig geblieben, seine Außenpolitik sei gescheitert. Neo-Osmanismus hieß das Konzept, dass Erdoğan verfolgte. Er sah die Türkei zur neuen Regionalmacht aufsteigen. Die Türkei als eigenständiger Akteur, der die arabische Welt prägt. Davon ist wenig geblieben, glaubt Seufert. Die Türkei sei "wieder ein Anhängsel der USA".