Türkei Erdoğan fehlt die Strategie

Türkische Soldaten an der türkisch-syrischen Grenze

(Foto: dpa)

30 Jahre Blutvergießen zwischen Regierung und Kurden haben die Türkei traumatisiert. Nun möchte Ankara den Vormarsch der IS-Terroristen stoppen. Gleichzeitig fürchtet es eine Stärkung der Kurden in der Region - mit absurden Folgen.

Kommentar von Christiane Schlötzer

Für Recep Tayyip Erdoğan hat sich ein Traum erfüllt. Aus einem Istanbuler Slum- und Hafenviertel, in dem man die Sprache der Straße lernt, ist er bis ins Heiligste der Macht in der Türkischen Republik aufgestiegen: in den Präsidentenpalast von Çankaya in Ankara. In einer eher bescheidenen Villa in Çankaya residierte einst Atatürk, der Gründer der modernen Türkei. Wie das Schloss Bellevue in Berlin steht Çankaya für das Amt und seinen Träger. Erdoğan genügt Çankaya nicht mehr.

Noch als Premier hat er sich ein neues Schloss bauen lassen, eine Art Versailles im Wald bei Ankara, hochgesichert, mit 1000 Zimmern. Erdoğan will den Prunkpalast zu seinem Amtssitz machen. Der zwölfte Präsident der Türkei glaubt, sich diesen Bruch mit einer 90 Jahre alten republikanischen Tradition leisten zu können - wie vieles andere auch.

So hat Erdoğan schon erklärt, er werde sich fortan um die Außenpolitik kümmern. Der ehemalige Außenminister Ahmet Davutoğlu, dem Erdoğan seinen bisherigen Posten als Premier überlassen hat, werde dagegen das innenpolitische Geschäft besorgen. In der türkischen Verfassung ist eine solche Arbeitsteilung nicht vorgesehen. Sie dürfte im politischen Alltag noch für Spannung sorgen. Der syrische Krieg vor der türkischen Haustür lässt dies bereits ahnen. Innen- und außenpolitische Interessen Ankaras decken sich hier kaum.

Ankara fürchtet die Terroristen, aber es fürchtet auch die Kurden

Ein innerer Frieden mit den Kurden ist für die Türkei von kaum zu unterschätzender Bedeutung. Dreißig Jahre Blutvergießen haben das Land traumatisiert, eine Aussöhnung ist überfällig und war zuletzt auf gutem Weg. Nun greifen türkische Kurden wieder zu den Waffen, um ihre syrischen Brüder vor den Extremisten des "Islamischen Staats" zu retten. Aber türkische Gendarmen hindern die Kämpfer am Grenzübertritt - weil Ankara sich immer noch vor jeder politischen oder militärischen Stärkung der Kurden fürchtet, wie vor einer ansteckenden Krankheit. Mit absurden Folgen.

So werden türkische Truppen den im syrischen Kobanê von IS-Terroristen eingeschlossenen und beschossenen Kurden kaum zu Hilfe eilen, obwohl sie dies könnten. Schließlich hat das Parlament in Ankara mit großer Mehrheit der Armee erlaubt, nach Syrien und in den Irak einzumarschieren. Was Erdoğan und die Generäle mit diesem Freibrief für einen Kriegseinsatz anfangen sollen, wissen sie aber offenbar selbst nicht. Die Türkei hat keine Strategie für das Syrien-Desaster.