Türkei Der Keim der Fehlentwicklung in der Türkei

Erdoğan-Anhänger in Istanbul

(Foto: Osman Orsal/Reuters)

Es begann schon vor Erdoğan: Der Journalist Baha Güngör beschreibt den Weg Ankaras Richtung Islamismus.

Rezension von Luisa Seeling

Kein Wunder, dass Atatürks Enkel wütend sind, sie haben schon einiges mitgemacht. Baha Güngör, zwischen 1984 und 1999 Korrespondent für deutsche Medien in der Türkei, später Leiter der türkischen Redaktion der Deutschen Welle in Bonn, kann ein Lied davon singen.

Einiges von dem, was er in seiner Laufbahn erlebt hat, schildert er in seinem Buch "Atatürks wütende Enkel" - etwa den Anwerbeversuch eines Agenten.

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Der 29. Januar 1986, schreibt Güngör, ist ihm unvergesslich: "Ich hatte nämlich völlig unerwartet die Wahl zwischen der Mitarbeit für den türkischen Geheimdienst MIT als Informant oder dem Risiko, irgendwann die Überlegenheit des türkischen Staates zu spüren zu bekommen."

Zwar kann Güngör den Schlapphut abwehren, doch der Vorfall zieht allerlei diplomatische Verwicklungen nach sich. Es sind vor allem diese Passagen, in denen der in Istanbul geborene und in Aachen aufgewachsene Journalist aus seinem Fundus an Erlebnissen und Beobachtungen schöpft, die das Buch lesenswert machen.

Bedrückend ist seine Schilderung der späten Siebziger, kurz vor dem Militärputsch 1980; damals kämpften auf den Straßen rechte und linke Extremisten, fast täglich gab es Tote.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag auf seiner Internetseite zur Verfügung.

Wer das liest, versteht besser, warum es in dem Land eine tief sitzende Sehnsucht nach Stabilität gibt; und warum jemand, der - wie der heutige Staatschef Recep Tayyip Erdoğan - Stabilität verspricht, die Menschen bei dieser Sehnsucht abholt.

Güngör zählt sich selbst zu den wütenden Enkeln Atatürks, zu denen, die den Kurs der religiös-konservativen Regierung ablehnen. Seine Kritik richtet sich aber nicht nur gegen Erdoğan, sondern auch gegen die kemalistischen Eliten; jahrelang hätten diese Fehler über Fehler gemacht und so den Aufstieg des politischen Islams erst ermöglicht.

Breiten Raum nehmen die Achtziger- und Neunzigerjahre ein, in denen der Keim für viele Fehlentwicklungen gesät worden sei; Turgut Özal, der die Republik von 1983 bis 1993 als Premier und Präsident geprägt hat, sieht Güngör als Wegbereiter des Islamismus.

Ein unaufgeregter Ton - viel wert in Zeiten der deutsch-türkischen Hysterie

Das alles ist durchaus lebendig aufgeschrieben, zugleich zeigt sich hier eine Schwäche des Buches: Entwicklungen, die teils Jahrzehnte zurückliegen, nehmen viel Raum ein, die Gegenwart wird eher knapp abgehandelt. Vieles wird nicht chronologisch erzählt, was das Verständnis erschwert; Leser, die sich noch nicht intensiv mit der Türkei befasst haben, dürften sich mit der oft unsystematischen Analyse schwertun.

Unbefriedigend auch das Kapitel zur Gülen-Bewegung - Güngör hegt erkennbares Misstrauen gegen die "Gülenisten", wie es aber zum Bruch zwischen Erdoğan und dem Prediger Fethullah Gülen kam, dieser Frage widmet er kaum eine Zeile.

Dafür belohnt Güngör den Leser mit einem unaufgeregten Ton - viel wert in Zeiten der deutsch-türkischen Hysterie - und Einblicken, die nur geben kann, wer über Jahrzehnte nah dran war am politischen Geschehen.

Baha Güngör: Atatürks wütende Enkel. Die Türkei zwischen Demokratie und Demagogie, Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Bonn 2017, 240 Seiten, 19,90 Euro.

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