TTIP-Freihandelsabkommen "German Angst" verblüfft Amerikaner

Demonstration von TTIP-Gegnern in Maryland: Die Deutschen seien "sehr hilfreich".

(Foto: dpa)

Was ist so schlimm an Chlorhühnchen und Schiedsgerichten? Bei den TTIP-Verhandlungen in den USA wundern sich Lobbyisten über die Ängste der Deutschen. US-Aktivisten freuen sich - und werben mit Wirtschaftsminister Gabriel.

Von Matthias Kolb, Chevy Chase/Maryland

Am Ende ihres Vortrags hebt Marjorie Chorlins die Stimme. "Wir wollen Jobs auf beiden Seiten des Atlantiks schaffen. Für dieses Ziel ist TTIP nicht eine Gelegenheit, es ist die Gelegenheit", sagt die Vizechefin der US-Handelskammer. Sie fordert, dass Zölle gesenkt und unnötige Bürokratie abgeschafft werden. Auf Chorlins' fünfminütige Präsentation folgt eine kritische Frage, dann tritt der Vertreter der US-Versicherungsbranche ans Rednerpult.

Willkommen beim Stakeholder Forum in Chevy Chase, Maryland, einem der Rituale der TTIP-Gespräche. Auch bei der siebten Verhandlungsrunde unterbrechen die Delegationen von EU und USA ihre Meetings und hören im Schnelldurchlauf die Anliegen der Stakeholder - so werden all jene Gruppen genannt, deren Interesse die EU oder die USA offiziell anerkannt haben. Auch die Gegner des Freihandelsabkommens bekommen hier Gelegenheit, um vor den Folgen des Deals zu warnen.

Für Marjorie Chorlins ist das Stakeholder Forum eine Möglichkeit, die Stimmung in Europa besser zu verstehen. "Ich bin verblüfft darüber, wie viel in Deutschland gegen TTIP und gegen die ISDS-Schiedsgerichte protestiert wird", sagt sie zu Süddeutsche.de. Das Argument, dass gerade die Exportnation Deutschland, deren Produkte in den USA gefragt seien, von TTIP profitieren würde, ist auch von anderen Lobbyisten zu hören. Viele schütteln nur den Kopf über die German Angst.

Ähnliches beobachtet Thomas Zielke, der Delegierte der Deutschen Wirtschaft in Washington: "Die Verbände und Unternehmen, die sich für TTIP engagieren, sind schon verwundert, dass das Thema so emotional diskutiert wird." Auch in Amerika haben sich bisher vor allem Experten mit Handelsabkommen beschäftigt, in der breiten Öffentlichkeit gebe es bisher nur kaum Diskussionen.

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Furcht vor gefährlichen Produkten und Lebensmitteln sieht er auf beiden Seiten. "Das Gegenstück zum Chlorhuhn ist der Rohmilchkäse, vor dem sich hier manche ekeln." Dabei geht es laut Zielke darum, ob es für diese Sorgen eine wissenschaftliche Begründung gibt. Letztlich seien die Interessen auf beiden Seiten gleich: "Die Menschen wollen sichere Produkte in hoher Qualität, die wenig kosten."

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Marjorie Chorlins kann sich die deutschen Bedenken nur damit erklären, dass Fakten falsch dargestellt würden. Wirklich besorgt wirkt die resolute Frau mit den kurzen Haaren jedoch nicht: "Es macht mir Mut, dass nicht nur Bundeskanzlerin Merkel die Verhandlungen weiterhin verteidigt, sondern dass auch Vizekanzler Gabriel seine Unterstützung deutlich gemacht hat." Sie wisse, dass der SPD-Politiker Einschränkungen formuliert habe (mehr in diesem SZ-Text), doch sie erwarte, dass TTIP ein Kapitel über die ISDS-Schiedsgerichte enthalten werde.