Tschechien und Polen Traumatische Erinnerungen, höchste Nervosität

"Hände weg von der Ukraine". Mit einem Plakat bekundet eine Demonstrantin vor der russischen Botschaft in Warschau ihren Unmut

Russlands aggressives Verhalten auf der Krim alarmiert Polen, Tschechien und das Baltikum. Ein Einmarsch russischer Soldaten weckt finstere Erinnerungen. Die Angst ist groß, dass die Krise in der Ukraine für die ganze Region Krieg bedeuten könnte.

Von Klaus Brill, Warschau

Zorn und Bewunderung wohnen nahe beieinander in diesen angespannten Tagen, so hat es Adam Michnik treffend zusammengefasst. Der Chefredakteur der Zeitung Gazeta Wyborcza ist nicht zum ersten Mal derjenige, der in einer Krisensituation am klarsten und am differenziertesten artikuliert, woher im neuen, demokratischen Polen der Wind weht. Bewunderung für die tapferen Ukrainer und Zorn auf "die imperiale Aggression der großrussischen Politik" - das ist seit der russischen Militärintervention auf der Halbinsel Krim die allgemeine Stimmung.

Wie ihre Nachbarn in Tschechien und in den drei baltischen Staaten verfolgen die Polen das Geschehen in der Ukraine mit großer Nervosität. Kaum ein Treffen unter Familienangehörigen oder Freunden, bei dem nicht die ängstliche Frage aufkäme, ob die von Wladimir Putin ausgelöste Eskalation am Ende auch für Polen Krieg bedeuten könnte.

Die politischen Führer des Landes sehen das genauso, das zeigt der Vorstoß von Staatspräsident Bronisław Komorowski, der gemäß Artikel 4 des Nato-Vertrages den Nato-Rat in Brüssel zu einer "Konsulation" einberief - ein dringliches Signal an die Partner, dass man von einer ernsten Gefahr für die kollektive Sicherheit ausgeht. Außenminister Radosław Sikorski erläuterte, woher die polnische Besorgnis rührt: "Wir wissen, dass das Raubtier durch das Fressen immer noch mehr Appetit bekommt."

Umstrittene Halbinsel

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Große Besorgnis in brenzligen Zeiten

"Putin droht mit Krieg", schrieb die Zeitung Rzeczpospolita. Und Verteidigungsminister Tomasz Siemoniak sah sich am Dienstag veranlasst, Gerüchte zu dementieren, wonach die Armee bereits mobilisiere: "In der gegenwärtigen Situation gibt es keine Gründe, die polnischen Armee-Einheiten in einen höheren Grad der Kampfbereitschaft zu versetzen."

Dass überhaupt davon die Rede ist, zeigt das Ausmaß der Besorgnis, dem auch Ministerpräsident Donald Tusk Tag um Tag sehr entschieden Ausdruck verleiht. Schon am Sonntag hatte der liberal-konservative Regierungschef die Chefs der im Parlament vertretenen Parteien zur Beratung in seine Kanzlei geladen, und alle waren gekommen, sogar der nationalkatholische Oppositionsführer Jarosław Kaczyński, der solche Treffen in weniger brenzligen Zeiten zu schwänzen pflegt.

Man spreche "mit einer Stimme", verkündete der Premier anschließend. "Polen darf seine Interessen keiner Gefahr aussetzen, es muss rational und vorsichtig vorgehen", sagte er. "Gleichzeitig müssen wir, weil es hier um unsere Sicherheit und unsere strategischen Interessen geht, diejenigen sein, die der Welt nicht erlauben, sich von der Ukraine abzuwenden. Hier geht es für Polen um Sein oder Nichtsein. Wenn wir uns gemeinschaftlich organisieren können und ein relevanter Teil unserer Gemeinschaft sind, dann werden wir sicher sein. Wir dürfen nicht alleine bleiben gegenüber den Bedrohungen, welche sich hinter unserer Ostgrenze entwickeln."

Polen will zusätzlich zur EU-Linie eigene Maßnahmen ergreifen

Weit über das gemeinsame Vorgehen der EU hinaus will Polen auch zusätzliche eigene Maßnahmen ergreifen. Dazu gehören nach den Worten des Ministerpräsidenten die beschleunigte Modernisierung der Armee und verstärkte Anstrengungen zur Überwindung der Abhängigkeit von russischen Energielieferungen. "Dieser Konflikt wird Auswirkungen auf die polnische Wirtschaft haben", sagte Tusk.

Im Nachbarland Tschechien beurteilt man das ähnlich. Der neue Verteidigungsminister Martin Stropnický sieht auf dem Feld der Ökonomie sogar einen Hebel, auf Russland Druck auszuüben. Der frühere Schauspieler und Diplomat, der für die Protestbewegung ANO des Unternehmers Andrej Babiš ins Parlament und ins Kabinett kam, brachte den geplanten Ausbau des südböhmischen Atomkraftwerkes Temelin ins Spiel.

Um die Ausführung bewerben sich die japanisch-amerikanische Firma Westinghouse und ein Konsortium unter Führung der Moskauer Staatsfirma Rosatom. Stropnický sagte, er könne sich schwer vorstellen, dass russische Firmen den Auftrag für die Errichtung zweier zusätzlicher Reaktoren erhalten könnten, da Russland jetzt die Gruppe der berechenbaren Länder verlassen habe.