Trumps Pläne für Jerusalem Frieden in Nahost lässt sich so nicht vermitteln

Jerusalem ist zentraler heiliger Ort von drei großen monotheistischen Weltreligionen: Judentum, Christentum und Islam. Die Klagemauer (vorne im Bild), die Grabeskirche und der Felsendom (hinten links) befinden sich in unmittelbarer Nähe zueinander.

(Foto: Getty Images)

Trump will die US-Botschaft in Israel nach Jerusalem verlegen. Damit zerstört er Jahrzehnte amerikanischer Außenpolitik und reißt in einer der heikelsten Krisenregionen der Welt die letzten Stützen ein.

Kommentar von Stefan Kornelius

Jerusalem hat in den 3000 Jahren seiner Geschichte unendlich viel Leid gesehen und Hoffnung gestiftet. Die Stadt ist leuchtendes Symbol für Identität und Glauben, sie ist ein Schmelztiegel für Religion und Politik, die Projektionsfläche von Heil und Hass. Kein Ort der Welt ist derart beladen mit dem Ballast von Jahrtausenden Menschheitsgeschichte. Kaiser und Könige, Emire und Kalifen kämpften um den Herrschaftsanspruch für diesen Platz göttlicher Symbolik. Mehr noch, sie kämpften für und um ihren Gott selbst, der sich hier offenbart hat - in der jeweiligen Spielart der Religionen. Und nun kommt ein gewisser Donald Trump und will eine Botschaft eröffnen.

Jerusalem ist der perfekte Ort für einen Scharlatan und Gernegroß. Kein Ort der Welt kann einen Zwerg schneller zum Riesen machen, nirgendwo sonst lässt sich so leicht ein Feuer-Inferno mit einem simplen Streichholz entzünden. Jerusalem ist ein Ort wie gemacht für Donald Trump. Eine Stunde lang soll er mit seinen Beratern in der entscheidenden Sitzung verbracht haben. Eine Stunde reichte aus, um Jahrzehnte amerikanischer Außenpolitik zu zerstören und in einer der wichtigsten Krisenregionen der Welt die letzten, brüchigen Stützen einzureißen, die Halt gaben und wenigstens noch ein bisschen Ordnung garantierten.

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Was nun kommt? Wie bei vielem, was Trump tut, sind die Folgen ungewiss. Zunächst ist der Schock groß über die Brutalität, mit der dieser Präsident Gewissheiten der Weltpolitik zerstört. Trump erzeugt so viel Unsicherheit, dass selbst die üblichen Verdächtigen aus der Riege der Halbstarken überrumpelt sind.

Die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels aber kann eine emotionale Wucht entfesseln, wie sie der Nahe Osten seit der zweiten Intifada nicht mehr erlebt hat. Al-Quds, die Heilige, ist nicht nur das Hoffnungssymbol der Palästinenser. Diese Stadt ist die emotionale Brücke für alle Muslime vor allem in der sunnitischen Welt. Sie erinnert an Unterdrückung, Ungleichheit, Bevormundung. Sie ist Ort des Glaubenskampfes. Die Leichtfertigkeit, mit der Trump den Emotionshaushalt so großer Teile der, ja: Menschheit angreift, lässt schaudern.

Die Hauptstadt-Entscheidung ist grundsätzlicher Natur, sie diktiert neue Spielregeln. Natürlich kann man argumentieren, dass es längst keinen Friedensprozess mehr gibt, dass die Siedlungspolitik Israels auch im Osten Jerusalems Fakten geschaffen hat, die im Teilungsplan keinen Platz hatten. Sicher kann man argumentieren, dass die Palästinenser ihren Teil der Abmachung nicht eingelöst haben und nicht einmal untereinander Frieden finden. Die Konfliktgeschichte läuft über mit Beispielen gebrochener Zusagen und mieser Provokationen.

Mit Trumps Entscheidung wird die Zwitterrolle der USA als Schutzmacht Israels und Vermittlungsmacht im Konflikt beendet. Ein Frieden lässt sich so nicht vermitteln. Der Regierung Trump wohnt keine Redlichkeit inne. Das entfaltet seine Wirkung auf die Architektur des Konflikts und die regionalen Kräfteverhältnisse insgesamt. Amerikas Einfluss auf die Türkei ist jetzt schon geschrumpft. Ägypten erlaubt die Stationierung russischer Kampfflugzeuge. Europa bleibt nur, den USA die Prokura als Verhandlungsmacht aufzukündigen. Moderate Systeme wie das jordanische Königshaus werden von innen unter Druck geraten. Möglicherweise ohne es zu wollen schwächt Trump auch seine neuen Freunde in Saudi-Arabien, die sich wie alle Muslime als Wächter der Al-Aksa-Moschee begreifen.

In der amerikanischen Staatsgründungs-Mythologie spielt die "Stadt auf dem Hügel" eine besondere Rolle, dieses Heilsversprechen für eine bessere Welt jenseits des Atlantiks. Die Puritaner lehnten sich damit an die alte Verheißung der jüdischen Diaspora an, die in Erinnerung an Moses Weg aus der Knechtschaft die Hoffnung auf besseres Leben nie aufgeben wollte: "L'Shana Haba'ah B'Yerushalayim" - nächstes Jahr in Jerusalem. Alljährlich am Pessach-Fest wird diese Zeile gesprochen, alljährlich werden damit nicht nur der geografische Anspruch und die Zusammengehörigkeit des jüdischen Volkes ausgedrückt, sondern vor allem die religiöse Hoffnung auf Erlösung.

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Trump wird über die Tiefenströmungen der amerikanischen, israelischen und arabischen Gesellschaften nicht nachgedacht haben. Alle Präsidenten vor ihm haben das aber, und sie wussten, dass eine Jerusalem-Entscheidung keine Erlösung bringen wird. Seit der Staatsgründung Israels war es daher guter Konsens, das religiöse Fundament der Region nicht unnötig zu erschüttern. Politik, Religion und Geschichte, das haben 3000 Jahre gelehrt, bilden ein explosives Gemisch. Der Alchemist Trump hat es angerührt.