Trittin und die Pädophilie-Debatte Spitzenkandidat mit blinden Flecken

Die Grünen stehen für Transparenz, aber sich selbst durchleuchtet haben sie nicht. Nicht alle Fragen in der Pädophilie-Debatte wurden gründlich aufgearbeitet, stattdessen kommen scheibchenweise Details ans Licht. Das Ziel der Grünen war richtig, doch die Ausführung ist mangelhaft. Spitzenkandidat Jürgen Trittin steht symptomatisch dafür.

Ein Kommentar von Michael König, Berlin

In Berlin liegen die Nerven blank. Die Rhetorik wird immer derber, bei twitternden Politikern sind Großbuchstaben plötzlich in Mode. Es geht um "geklaute" Zweitstimmen der FDP oder um absurde Koalitionsaussagen, zum Beispiel: Die SPD ist schuld an einer großen Koalition, weil sie nicht mit den Linken zusammenarbeiten will. Als ginge das so einfach mit Rot-Rot-Grün, Stichwort Außenpolitik. Oder: Die Union wird sich mit der Alternative für Deutschland verbünden, Euro-Retter Seite an Seite mit Euro-Aussteigern, schon klar.

Jeder holzt gegen jeden, das ist normal, wenige Tage vor der Bundestagswahl. Was hingegen nicht normal ist: Dass sich eine Partei nicht wehren kann. Weil ihr jeder Widerspruch im Halse stecken bleibt. Weil die Vorwürfe gegen sie so schwerwiegend sind. Weil es nicht um eine oder mehrere Personen geht, sondern um das ganze Gebilde.

Diese Partei sind die Grünen. Die Vorläufer der 1980 gegründeten Partei waren in den siebziger und achtziger Jahren auch von einzelnen Pädophilen beeinflusst, die ihnen einredeten, alle gemeinsam würden sie ein Ziel verfolgen: sexuelle Toleranz. Die Grünen haben das zu lange hingenommen, das war ein Fehler. Sie haben die Aufklärung erst schleifen lassen und schließlich die Verantwortung anderen überlassen. Das war ebenfalls ein Fehler. Er fällt ihnen jetzt auf die Füße. Ihr Spitzenkandidat Jürgen Trittin steht symptomatisch dafür.

Nie auf die Idee gekommen

Trittin war in Göttingen für ein kommunales Wahlprogramm verantwortlich, zumindest presserechtlich, das 1981 forderte, Sex zwischen Kindern und Erwachsenen unter bestimmten Bedingungen zu erlauben. Das ist seit Montag bekannt, als der Politikwissenschaftler Franz Walter einen entsprechenden Artikel in der taz veröffentlichte. Trittin hat daraufhin sein Bedauern ausgedrückt, jetzt, nach Walters Recherche.

Trittin ist seit knapp einem Jahr Spitzenkandidat, seit vier Jahren Fraktionsvorsitzender im Bundestag. Er war auch schon Bundesumweltminister (1998 bis 2005) und Landesminister in Niedersachsen (1990 bis 1994). Auf die Idee, seine eigene Vergangenheit auf solche Fehler hin zu überprüfen, ist er in all den Jahren offenbar nie gekommen. Das ist ein Vorwurf, den er sich jetzt gefallen lassen muss, zumal als Führungsfigur einer Partei, die wie wenige andere für Transparenz und die Fähigkeit zur Selbstkritik steht.

Staatsschreck und Staatsmann

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Genügend Anlässe für die Selbstdurchleuchtung hätte es gegeben: zuletzt im Mai, als ein anderer Text öffentlich diskutiert wurde. In dem 1975 erschienen Buch "Der große Bazar" schildert der heutige Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit pädosexuelle Phantasien. Eine "widerliche" Dummheit, wie der Autor seit Langem beteuert.

Damals, im Mai, entschieden sich die Grünen dazu, den Göttinger Politologen Franz Walter zu beauftragen, die Parteivergangenheit aufzuklären. Seriös, gründlich, unabhängig, ein für allemal. Sie verfolgten damit ein richtiges Ziel, schoben aber die Verantwortung ab.

Walter sollte machen, die Grünen wollten warten. "Mutmaßungen, Deutungsannahmen oder subjektive Meinungsäußerungen", lehnte sein Institut zunächst ab. Walters Mitarbeiter kündigten einen Zwischenbericht bis Ende 2013 an, Ergebnisse bis 2014. Das klang einerseits vernünftig, andererseits nach Vertuschung bis nach der Wahl.

Aufklärung per Exklusivmeldung

Es kam anders: Walter, der sich gerne als eine Art wissenschaftlicher Popstar inszeniert, veröffentlichte Mitte August erste Zwischenergebnisse in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Und nun, eine Woche vor der Wahl, der Bericht über Trittin in der taz.

Auf diese Art Exklusivmeldungen zu produzieren, das hatte sich Walter vertraglich zusichern lassen, wie er sagt. Den Grünen kann es nicht gefallen. Aber wer würde es wagen, den Wissenschaftler zu kritisieren? Das klänge ja doch wieder nach Vertuschung. Nur hinter vorgehaltener Hand fragen sich Parteimitglieder, ob sie den richtigen Forscher beauftragt haben.

Das ist allerdings die falsche Frage. Die richtige lautet: Was hätten die Grünen selbst tun können?

Sie hätten - parallel zu Walters Recherche - die Schwarmintelligenz nutzen können. Das Material, das Walter nun durchsucht, hätte der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können. Die Parteibasis hätte involviert werden können. Jeder Funktionär hätte dazu aufgefordert werden können, seine eigene Parteibiografie auf Fehler hin zu durchleuchten.

Schlechtes Wahlergebnis? Vielleicht hilfreich

Das hätte freilich Mut vorausgesetzt, viel Mut und die Fähigkeit, blinde Flecken zu erkennen. Beides war offenkundig nicht vorhanden, schon gar nicht mitten im Wahlkampf. Das ist einerseits verständlich, weil es einem politischen Selbstmord gleichgekommen wäre. Die Konkurrenz hätte sich daran geweidet. Anderseits geht es nicht um Kleinigkeiten, sondern um Pädokriminalität, da ist jeder Moment des Zögerns einer zu viel, zumal für eine Partei, die gerne den moralischen Zeigefinger hebt. Und die Konkurrenz hat auch so viel Material für Angriffe.

Die Grünen können der Situation nur entgehen, wenn sie endlich ernsthafte Aufklärung betreiben, intern und extern. Ein schlechtes Wahlergebnis könnte auch jene Grüne motivieren, sich zu hinterfragen, die das bislang offenkundig lieber gelassen haben. Grüne wie Jürgen Trittin.