Treffen der G-20-Außenminster Beim Speed-Dating mal eben die Welt retten

  • Beim Treffen der G-20-Außenminister in Bonn stehen die Themen Terrorismus, Wasserknappheit, Flucht und Vertreibung auf der Tagesordnung.
  • Einerseits repräsentieren die Außenminister zwei Drittel der Weltbevölkerung, drei Viertel des Welthandels und vier Fünftel der weltweiten Wirtschaftsleistung; andererseits fassen sie in Bonn keine Beschlüsse.
  • Trotzdem haben viele der angereisten Politiker die Hoffnung, dass die Begegnungen den Zusammenhalt in der Weltgemeinschaft stärken.
Von Stefan Braun, Bonn

Reden statt schweigen; zuhören statt abwenden; kooperieren statt ab-schotten - darum soll es gehen beim Tref-fen der G-20-Außenminister, das am Donnerstagnachmittag in Bonn begonnen hat. "Kein Staat der Welt kann die großen internationalen Probleme unserer Zeit alleine lösen", sagte Außenminister Sigmar Gabriel zum Auftakt.

"Terrorismus, Wasserknappheit, Flucht, Vertreibung und humanitäre Notlage bewältigt man nicht mit Abschottung. Und der Klimawandel lässt sich nicht mit Stacheldraht bekämpfen." Deutliche Worte sind das; der Gastgeber macht keinen Hehl daraus, was ihn antreibt. Der Name Donald Trump fällt nicht, Aber in diesen Wochen wird schnell klar, dass er der erste Adressat ist.

Trump ist nicht da, trotzdem geht es bei dem Treffen immer auch um ihn

Allerdings wird es in Bonn keine Beschlüsse geben und kein abgestimmtes Kommuniqué. "Außenpolitik ist mehr als Krisenmanagement", so Gabriel. "Wir sind gut beraten, nicht ständig mit dem Feuerlöscher von einem Brand zum nächsten zu laufen." Um das zu vermeiden, sei es wichtig, sich im Kreise der 20 größten Staaten den Konfliktursachen und der frühzeitigen Krisenprävention zu widmen.

Trump ist natürlich nicht da und doch jede Sekunde präsent. Erst recht ist er das bei diesem Treffen, bei dem sich sein neuer Außenminister Rex Tillerson so rar macht wie auch in Washingtion: Für seine erste Auslandsreise hat er, anders als früher üblich, kaum Journalisten mitgenommen; er verzichtet auf eine Pressekonferenz und gibt nach seinem Treffen mit dem russischen Kollegen Sergej Lawrow nur eine Erklärung vor handverlesenen Journalisten ab. Manche sprechen schon vom Phantom Tillerson. Am eigentlichen Problem aber ändert die Spöttelei wenig. Zu groß sind die Sorgen, dass der US-Präsident es mit seinem, "Amerika zuerst" vier Jahre lang sehr ernst meinen könnte. Und so - vielleicht nur so - konnte dieses Treffen mit derart vielen Außenministern in Bonn überhaupt stattfinden.

Gestaltung globaler Ordnung, heißt der Slogan des stark gesicherten Bonner G-20-Treffens. Zunächst begrüßte Außenminister Sigmar Gabriel den russischen Kollegen Sergej Lawrow (Mitte), der traf danach US-Minister Rex Tillerson (oben).

(Foto: AP/dpa)

Üblich sind diese Begegnungen nicht. Seit der Gründung des eher informell entstandenen Kreises der G 20 ging es um die Finanzkrise und eine weltweite Kooperation zur Abwendung der großen Wirtschaftskrise. Klassische Außenpolitik spielte stets eine Nebenrolle. Als Mexiko 2012 zu einem ähnlichen Treffen einlud, blieb die Gästeliste überschaubar.

Nun aber sind in Bonn 18 der 20 Außenminister dabei, außerdem der neue UN-Generalsekretär António Guterres, ein Vertreter der Afrikanischen Union und als Gäste auch noch die Chefdiplomaten aus den Niederlanden, Spanien und Norwegen. Dabei ist die Diskrepanz zwischen den Wünschen und den Möglichkeiten bei diesem Treffen erheblich. Die Außenminister repräsentieren zwei Drittel der Weltbevölkerung, drei Viertel des Welthandels und vier Fünftel der weltweiten Wirtschaftsleistung; andererseits werden sie in Bonn keine Beschlüsse fassen. Dass sie überhaupt zusammenkommen und reden, kann und soll die eigentliche Botschaft sein. Sollte es gelingen, dass am Ende viele mit dem Gefühl heimkehren, die Zusammenarbeit bleibe das wichtigste Ziel in diesen Zeiten - es würde Gabriel genügen. Nicht von ungefähr hat er auch António Guterres eingeladen. Der kämpferische UN-Generalsekretär weiß genau, wie sehr Trumps Weltsicht den Zusammenhalt in der Weltgemeinschaft gefährdet. Die Rettung der Erde - das wird in Bonn niemand einfach mal eben beschließen können. Gleichwohl schwingt eben diese Hoffnung mit bei den meisten, die dabei sind. Es gibt keine ausgefeilte Tagesordnung. Die erste Debatte geht um das UN-Entwicklungsziel, die Agenda 2030. Die zweite darum, wie man gemeinsam Krisen und Kriege früher angehen, beruhigen, verhindern kann. Der dritte Schwerpunkt wird Afrika sein - so wie es auch für den G-20-Gipfel der Staats- und Regierungschefs im Juli in Hamburg geplant ist. Doch mindestens genauso wichtig sind die kurzen Begegnungen der Beteiligten. Speed-Dating nennt man das, wenn Minister sich im 15-Minuten-Takt treffen. Insbesondere die Liste des Amerikaners Tillerson ist lang. Selber redet er wenig. Eines aber sagt er nach dem Treffen mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow dann doch: dass Moskau sich im Ukraine-Konflikt an das Minsker Abkommen halten solle. Für Tillerson, der sich in den vergangenen zwei Wochen kein einziges Mal öffentlich geäußert hatte, ist das ganz schön viel.

Hängen bleibt noch ein anderer Satz aus dieser Begegnung. Russlands Außenminister nämlich begrüßt Tillerson mit den Worten, er könne versichern, dass Russland sich "nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten einmischen" würde.

Laut und deutlich sagt Lawrow das. Und lächelt. Ausgerechnet.

Zwei Drittel der Weltbevölkerung

Der "Gruppe der 20" gehören die Europäische Union und die 19 führenden Industrie- und Schwellenländer an: Argentinien, Australien, Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien, Indonesien, Italien, Japan, Kanada, Mexiko, Russland, Saudi-Arabien, Südafrika, Südkorea, die Türkei und die USA. Die Gruppe repräsentiert zwei Drittel der Weltbevölkerung, mehr als 80 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung und 80 Prozent des Handels. Ihre Beschlüsse sind nicht bindend. Die G 20 kann Entscheidungen nicht durchsetzen, sondern nur einen Kurs bestimmen oder politisch Schwung erzeugen. Der Wert der Gipfel liegt aber auch in den informellen bilateralen Treffen jenseits der offiziellen Tagesordnung. Am 7. und 8. Juli kommen die Staats- und Regierungschefs der "Gruppe der 20" in Hamburg zusammen.

Im Gegensatz dazu versteht sich die in den 70er-Jahren gegründete G 7 als Gruppe sieben wichtiger Industrienationen und als westliche Wertegemeinschaft. Es fehlen aufstrebende Mächte wie China, Indien oder Brasilien, ohne die man bei vielen globalen Fragen nicht mehr weiterkommt. Russland war einige Jahre Mitglied in der G 8, wurde wegen der Vereinnahmung der Krim aber aus dem Kreis ausgeschlossen. dpa

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