Trauerfeier für Soldaten Bildet Bild Merkels Meinung?

Die Bild-Zeitung fordert die Kanzlerin in großen Buchstaben auf, die Trauerfeier für die gefallenen Soldaten zu besuchen. Es dauert nicht lange, da überdenkt Merkel ihre Haltung.

Von Wolfgang Jaschensky

Die Bild-Zeitung schreibt gerne so, wie Volkes Seele empfindet. Die Leute sollen sagen: "Stimmt eigentlich". Und so fragt Deutschlands größte Boulevardzeitung an diesem Donnerstag in großen Buchstaben: "Warum gibt die Kanzlerin den toten Soldaten nicht das letzte Geleit?"

Ja, warum eigentlich nicht? Die Kanzlerin könnte den drei in Kundus gefallenen Fallschirmjägern diese Ehre erweisen, legt Bild nahe. Schließlich unterstützt ihre Regierung den Krieg in Afghanistan. Schließlich wurde das Mandat der Bundeswehr mit schwarz-gelber Mehrheit im Parlament unlängst verlängert.

Die Zeitung lieferte noch weitere Gründe, warum die Kanzlerin die Trauerfeier im niedersächsischen Selsingen besuchen sollte. "US-Präsident Barack Obama, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi - sie alle gaben ihren Soldaten schon das letzte Geleit", erklärt Bild.

Und dann fanden sich natürlich noch Stimmen aus der Koalition und der Opposition, die alle auch irgendwie sagten: "Stimmt eigentlich!"

Die Kanzlerin und CDU-Chefin, so schien es lange Zeit, sah die Sache ganz anders. Nur Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und Generalinspekteur Volker Wieker waren als Vertreter der Bundesregierung bei der Trauerfeier angekündigt. Bild schrieb von einer "Verabredung zwischen Kanzleramt und Verteidigungsministerium".

Angela Merkel, mächtigste Frau der Welt, hielt immer maximal mögliche Distanz zum Krieg in Afghanistan. Im Wahlkampf spielte der Einsatz am Hindukusch keine Rolle. Und nach dem verheerenden Luftangriff auf zwei Tanklastzüge nahe Kundus, der weit mehr als hundert Menschenleben - darunter Zivilisten - gefordert und einen Minister zum Rücktritt gezwungen hatte, schwieg die Kanzlerin so lange und so laut, dass Parteifreunde Merkel zu einer öffentlichen Stellungnahme drängen mussten.

Am Donnerstagmorgen dann die Überraschung: Wenige Stunden nachdem die Bild-Zeitung mit ihrer großen Frage auf dem Markt war, reichte Angela Merkel ihr "Stimmt eigentlich" nach. Um 10:30 Uhr meldeten die Agenturen, dass auch die Kanzlerin an der Trauerfeier teilnehmen wird. Merkels Regierungssprecher formulierte das natürlich so, als sei dies eine Selbstverständlichkeit: "Das ist ihr ein persönliches Anliegen", war plötzlich überall zu lesen.

Brauchte es dazu Bild? Hilft Chefredakteur Kai Diekmann, Trauzeuge Helmut Kohls, der aktuellen Kanzlerin ein wenig nach? Bei Gerhard Schröder wäre das vermutlich nicht passiert, denn der Altkanzler wurde mit der Phrase zitiert, zum Regieren brauche er vor allem "Bild, BamS und Glotze".

Auf Nachfrage von sueddeutsche.de erklärt ein Regierungssprecher, Merkel habe nie ausgeschlossen, an der Trauerfeier teilzunehmen. Er räumt aber ein, dass die Kanzlerin lange überlegt habe. Der Grund: Merkel habe die Trauerfeier nicht "mit ihrer Anwesenheit dominieren" wollen.

Das ist natürlich nobel. Die Frage nach einem Zusammenhang mit dem Artikel in der Bild-Zeitung wollte er freilich nicht kommentieren.