Das chinesische Wörterbuch von Kai Strittmatter

... zuerst den Chinesen und dann seine Nation. Warum die Chinesen uns die Milch wegtrinken, obwohl sie sie gar nicht vertragen.

NIU NAI: Milch

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Milch macht groß und stark. Zuerst den Chinesen, dann sein Volk. So hatte die Regierung sich das gedacht, als sie in den achtziger Jahren eine "Essensrevolution" ausrief: "Ziel war es, die körperliche Qualität unseres Volkes zu erhöhen, um so den Traum des Auferstehens Chinas zu verwirklichen", schreibt die Zeitschrift Nachrichtenwoche.

Hat eine Weile gedauert. Weil zunächst nur wenige dem Ruf gefolgt sind, die Mehrheit sich aber Milchspeisen weiterhin so verweigerte, wie sie es seit Jahrtausenden getan hat.

Mehr als Größe nämlich bescherte Milch dem Land bislang Durchfall, Blähungen und Darmkrämpfe: Viele Chinesen können, wenn sie dem Säuglingsalter entwachsen sind, den Milchzucker nicht mehr verdauen, ihnen fehlt das Laktase-Enzym. Vor Käse ("verrottete Milch") ekelt es viele nicht weniger als unsereiner vor dem berüchtigten "Stinkenden Doufu" (Tofu). So rufen sie bis heute beim Fotografieren nicht "Käse" auf Englisch, sondern "Aubergine" auf Chinesisch, →Qiezi.

Die wenigen Milchprodukte, die es auf den chinesischen Speisezettel schafften (der Pekinger Joghurt in den kleinen Tontöpfchen oder die zu einer Paste verkochte Dessertmilch) sind allesamt Mitbringsel der Nomaden aus dem Norden, die in Form der Qing-Dynastie das letzte Kaiserhaus stellten. Nomaden aber schienen den Chinesen nicht umsonst Barbaren.

Lange machte den Chinesen der Milchverzicht nichts aus, denn damit es ihnen an nichts mangelte, hatten sie sich stets an das Wunderböhnchen Soja gehalten - eine Proteinbombe, welche sie in besagten → Doufu verwandeln.

Dann aber öffneten die Kommunisten ihr Land zur Welt, staunten über die großen deutschen Fußballer und die starkgebauten amerikanischen Olympiasieger und sahen mit einem Mal den Weg zu Glorie und Gold klar vor sich.

Also züchtete die Regierung massenhaft Milchkühe, führte versuchsweise Schulmilch ein, machte Propaganda für Gesundheitsbewusstsein und Milch-Patriotismus. Premier Wen Jiabao sagte einmal, er habe einen Traum. Anders als bei Martin Luther King spielen darin Freiheit und Gleichheit keine Rolle. Dafür die Milch. Er träume davon, sagte der Premier, dass jedes Chinesenkind dereinst einen halben Liter Milch am Tag zu trinken bekommen solle.

Und das Volk folgt. Das Vorbild des Westens lockt ebenso wie das Versprechen geheimnisvoller Kräfte (Hatten die Zeitungen nicht gemeldet, selbst die Schweine für die Küche im Olympiadorf würden mit Milch gepäppelt?). Vor allem die Städter stellen ihren Speiseplan um.

Heute produziert das Land 33 Millionen Tonnen Milch im Jahr - zehnmal so viel wie vor einem Jahrzehnt, wie die Nachrichtenagentur Xinhua stolz meldet. Reicht aber nicht, also wird dazu importiert. Aus Neuseeland, aus den USA, aus Europa. Schon schlagen sie dort Alarm: Hilfe, die Chinesen schlucken nicht nur unser Öl, jetzt trinken sie uns auch noch die Milch weg! (→Gelbe Gefahr)

Dabei kommt die Panik etwas verfrüht. 25 Liter Milch konsumierte ein Pekinger im vergangenen Jahr. Das ist zwar für die Chinesen ein großer Sprung nach vorne - die Deutschen aber vertilgen mehr als fünfmal so viel. Und auf dem Land, wo noch immer die Mehrzahl der Chinesen lebt, trinken sie gerade mal drei Liter pro Jahr.

Das Verhältnis der Chinesen zur Milch, schrieb das Magazin Leben einmal, sei noch immer gefangen "im Widerspruch zwischen Verwestlichung und Verdauung".

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(sueddeutsche.de/bosw)