Warum der Dalai Lama kein Gottkönig ist und was die chinesische Regierung mit der Vorschrift bezwecken will, dass Wiedergeburten nur mit behördlicher Genehmigung erlaubt sind. Das chinesische Wörterbuch von Kai Strittmatter

Der Begriff ist eine chinesische Erfindung für bestimmte herausragende geistliche Persönlichkeiten im tibetischen Buddhismus wie zum Beispiel den Dalai Lama. Im Tibetischen selbst existiert der Begriff nicht. Das Wort "Lama" ist die tibetische Entsprechung zum indischen "Guru" und bezeichnet einen religiösen Meister oder Lehrer. Die herausragenden Lamas, die von den Chinesen "lebender Buddha" genannt werden, heißen im Tibetischen Tülku. Ein Tülku ist - wie der Dalai Lama - im Buddhismus ein Wesen, das Art und Zeitpunkt seiner Wiedergeburt vorherbestimmen kann. Tülkus tragen den Beinamen Rinpoche ("Kostbarer").

Huo Fo (© )

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Missverständliche Titulierungen für den Dalai Lama tauchen aber auch in den westlichen Sprachen auf. Oft wird der Dalai Lama als "Gottkönig" bezeichnet, was falsch ist. Es stimmt, dass die Dalai Lamas in der Geschichte stets gleichzeitig religiöse und weltliche Führer Tibets waren (der momentane Dalai Lama Tenzin Gyatso hat im Bruch mit dieser Tradition schon vor Jahren erklärt, dass er für kein weltliches Regierungsamt zur Verfügung steht).

Einen Gott aber kennt der Buddhismus nicht. Buddha heißt nichts anderes als "der Erleuchtete". Ein Buddha ist ein Mensch, der die Erleuchtung über das Wesen der Welt und der Wirklichkeit erlangt hat und dem nun nur noch das Erlöschen bleibt, der Eingang ins Nirvana.

Der Dalai Lama aber ist kein Buddha, er ist vielmehr ein Bodhisattva. Bodhisattvas wiederum sind Wesen, die zwar so weit wären, den Kreislauf der Wiedergeburten zu verlassen und den Schritt zum Buddha und zum völligen Erlöschen zu gehen - die aber aus Mitleid mit den Menschen darauf verzichten. Ein Boddhisattva bleibt freiwillig in der Welt, um anderen auf ihrem Weg zu helfen.

Typischerweise unterstehen einem "lebenden Buddha" oder Tülku ein oder mehrere Klöster. Schon seit Jahren müssen sich die Tülku von den lokalen chinesischen Behörden sogenannte huofo zheng - "Lebende-Buddha-Ausweise" - ausstellen lassen. In den Tibetergebieten der Provinz Yunnan zum Beispiel wurde der Ausweis nicht ausgestellt, wenn der Betreffende "in seinem vorigen Leben im Arbeitslager gesessen hatte", wie Luoga Rinpoche aus der Stadt Zhongdian der SZ berichtete.

Im vergangenen Jahr verschärfte Peking die Regeln noch einmal. Tibets lebenden Buddhas ist die Wiedergeburt ohne behördliche Genehmigung nun untersagt : "Sogenannte wiedergeborene lebende Buddhas sind ohne Zustimmung der Regierung illegal und ungültig", heißt es in dem Edikt, das am 1. September 2007 in Kraft trat. Und: "Keine Organisation und kein Individuum aus dem Ausland darf die Reinkarnation lebender Buddhas beeinflussen der kontrollieren."

Das ist offensichtlich gegen den im indischen Exil lebenden Dalai Lama gerichtet. Chinas Herrscher möchten sich schon jetzt das Recht sichern, im Falle seines Todes den Nachfolger zu bestimmen - wie sie das beim Pantschen Lama, dem zweithöchsten Würdenträger in der tibetischen Hierarchie schon vorexerziert haben.

Der alte Pantschen Lama war 1989 gestorben, woraufhin ein Suchtrupp im Auftrag des Dalai Lama und mit der Hilfe eines bekannten Abtes in Tibet im Mai 1995 seine Wiedergeburt ausfindig machte. Peking tobte. Die KP schickte prompt einen eigenen Suchtrupp los und präsentierte wenig später unter Aufsicht eines Politbüromitglieds einen anderen Jungen als die "wirkliche Wiedergeburt". Der vom Dalai Lama auserwähle Junge ist seither verschwunden. Der Abt, der ihm bei der Suche geholfen hatte, wurde zu Gefängnis verurteilt.

Das Ironische an dieser Gemengelage ist, dass die oft "feudal" und "mittelalterlich" gescholtene Verschmelzung von weltlicher und religiöser Macht nicht länger vom Dalai Lama verkörpert wird - sondern von Chinas KP in ihrer neuesten Wiedergeburt.

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(seuddeutsche.de/lala)