Von Kai Strittmatter

Alles dreht sich bei den Chinesen ums Essen. Es ist ihnen wichtiger als den Europäern Sex. Kein Wunder, dass sie der Welt grundsätzlich mit dem Mund gegenüberstehen.

Essen. Nicht zu verwechseln mit → Ernährung. Ist dem Chinesen vielmehr das, was dem Europäer der Sex ist, nur wird es mit größerer Obsession diskutiert, zelebriert und ausgelebt:

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Während aus Europa bisher kein Gruß der Sorte "Heute schon gevögelt?" bekannt wäre, ist es in China gang und gäbe, sich mit "Heute schon gegessen?" zu begegnen. Es ist der Gruß eines über Jahrtausende von Hungersnöten geplagten Volkes.

Um so erstaunlicher, dass dieses Volk eine Küche erschuf, die an Vielfalt, Raffinesse und Meisterschaft weltweit ihresgleichen sucht. Sie macht nicht einfach satt, sondern mindestens auch gesund und im Idealfall glücklich. Dann vereint sie → Yin und → Yang, huldigt den Jahreszeiten und versöhnt Himmel und Erde.

Chinesische Küche hat nichts gemein mit dem Ihnen bekannten China-Restaurant um die Ecke (vgl: → renquan wenti, dt: Menschenrechtsverletzung).

Die Bedeutung des Essens für China mag man daran erkennen, dass die Chinesen der Welt grundsätzlich mit dem Mund gegenüberstehen, eine Fixierung aufs Orale, die in die Sprache Eingang gefunden hat.

"Essig essen" zum Beispiel (→ chi cu) heißt: "eifersüchtig sein". Wenn etwas sehr gefragt oder populär ist, dann hat es "Duft gegessen", → chi xiang. Tafelfreuden sind den Chinesen auch deshalb so wichtig, weil sie immer noch eine zweite Hauptbeschäftigung hatten: → chi ku, "Bitternis essen".

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(sueddeutsche.de/SZ/stä)