Tote im DDR-Grenzregime Die schwierige Suche nach den Mauer-Toten

Am einstigen Todesstreifen: Früher bitterer Ernst, heute das Grenzmuseum Mödlareuth in Thüringen und Bayern.

(Foto: dpa/dpaweb)
  • Nach einer aktuellen Recherche des Mauermuseums am Checkpoint Charlie starben 1841 Menschen an der innerdeutschen Grenze.
  • Wissenschaftler halten diese Zahl jedoch für viel zu hoch. Das liegt daran, dass der Opferbegriff unterschiedlich definiert wird.
  • Ein Forschungsprojekt der FU Berlin will bis Ende des Jahres neue Zahlen veröffentlichen.
Von Barbara Galaktionow

1989 waren es 191, heute stehen 1841 Personen auf der Liste: Jedes Jahr veröffentlicht das Mauermuseum am Checkpoint Charlie in Berlin kurz vor dem Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 1961 aktuelle Zählungen dazu, wie viele Menschen an der DDR-Grenze ums Leben kamen. Jedes Jahr kommen neue Todesopfer hinzu.

Auch im vergangenen Jahr ließen Recherchen des privaten Museums die Zahl um elf Personen ansteigen, wie die Einrichtung mitteilte. Ziel sei es, durch die allein von ehrenamtlichen Mitarbeitern erbrachten Recherchen "alle Opfer des DDR-Grenzregimes" zu ermitteln, sagte Museumsdirektorin Alexandra Hildebrandt der Süddeutschen Zeitung. Eine schwierige Aufgabe. 27 Jahre sind seit dem Mauerfall vergangen und noch immer gibt es keine vollständige Dokumentation über die Menschen, die an der innerdeutschen Grenze ums Leben gekommen sind. Forscher streiten sogar über die genauen Zahlen.

Wissenschaftler der Freien Universität Berlin halten die Angaben des Mauermuseums am Checkpoint Charlie für zu hoch. "Die Zahl von 1841 Todesopfern ist nicht zu halten", sagt Jochen Staadt, Experte für DDR-Geschichte, der SZ. Er leitet zusammen mit Zeithistoriker Klaus Schroeder ein Forschungsprojekt zu den Todesopfern entlang der Grenze von Bayern bis zur Ostsee - ohne Berlin zu berücksichtigen.

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In diesem Bereich kommen die Forscher bislang zu deutlich niedrigeren Zahlen. Durch mehrere schriftliche Quellen und zum Teil auch durch Angehörige und Zeitzeugen bestätigt seien derzeit etwa 260 Todesfälle, sagt Staadt. Ihre Biografien sind im Netz einsehbar. Eine gewisse Anzahl von Fällen werde noch bis zum Auslaufen des Forschungsprojekts am Jahresende überprüft - eine konkrete Zahl will er nicht nennen. Etwa 30 bis 40 Fälle aus den 50er Jahren würden sich wohl nicht mehr zweifelsfrei klären lassen. Insgesamt habe man 1492 Verdachtsfälle überprüft.

138 Tote allein an der Berliner Mauer

Für den Grenzbereich in Berlin ermittelte das Forschungsprojekt "Chronik der Mauer" zweifelsfrei 138 Tote. Drei bis vier Fälle seien noch offen, sagte Staadt. Hinzu rechnen müsste man noch die Menschen, die beim Fluchtversuch über die Ostsee starben - hier kursiert die Zahl von etwa 200 Opfern, auch das wird noch erforscht - sowie Fälle, in denen DDR-Bürger versuchten, über die sozialistischen Nachbarstaaten in den Westen zu entkommen. Staadt schätzt, dass ihre Zahl etwa den Toten an der innerdeutschen Grenze entspricht. Überschlagt man diese Zahlen grob, käme man damit vielleicht auf etwa 1000 nachgewiesene Opfer des DDR-Grenzregimes - deutlich weniger jedenfalls als die 1841 Menschen des Mauermuseums.

Eine Ursache der großen Diskrepanz ist, dass das Mauermuseum am Checkpoint Charlie seinen Opferbegriff sehr viel weiter fasst als die universitäre Forschungsstelle. So rechnet das Museum beispielsweise Suizide von DDR-Grenzsoldaten grundsätzlich mit ein, egal, ob sich ein unmittelbarer Zusammenhang zum Dienst nachweisen lässt. Die Zählung berücksichtigt außerdem Menschen, die beim regulären Grenzübertritt verstorben sind.

"Wenn ältere Menschen von 70 oder 80 Jahren an den Grenzen so schikaniert wurden, dass sie am Herzinfarkt starben", dann sei das durchaus eine Folge "dieser mörderischen Grenze", sagt Direktorin Hildebrandt. Staadt hält dem entgegen, dass klar unterschieden werden müsse, ob jemand tatsächlich aufgrund einer repressiven Behandlung einen Herzinfarkt erlitten habe oder nur, weil er bei hohen Temperaturen länger an der Grenze im Bus warten musste.

Die Arbeit der Forscher ist äußerst mühsam. Weil es in der DDR keine Stelle gab, die die Zahl der Toten oder Verletzten zentral erfasste, hätten sie in sehr verstreuten Archiven recherchieren müssen, sagt Staadt. Hinzu komme, dass viele Unterlagen erst in den vergangenen Jahren zugänglich geworden seien. In Stasi-Unterlagen tauchten immer wieder neue Dokumente auf.

Basis der Untersuchungen Staadts und seiner Kollegen an der FU Berlin waren Daten der Erfassungsstelle Salzgitter. Die hatte seit dem Mauerbau 1961 systematisch alle Informationen über mögliche Tote oder Verletzte an der DDR-Grenze gesammelt. Hinzu kamen Ermittlungsakten der Länderstaatsanwaltschaften und der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität, in die die Wissenschaftler Einblick nehmen durften. "Das hat es möglich gemacht, viele Fälle zu klären, weil die Ermittler wirklich in den 90er Jahren auf breitester Basis Tausende von Fällen recherchiert haben", sagt Staadt. So könnte also demnächst zumindest geklärt sein, in welcher Größenordnung sich die Zahl der Todesfälle an der DDR-Grenze bewegt.

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