Tote in Kiew Wer hat auf dem Maidan geschossen?

Wer waren die Scharfschützen auf dem Maidan? Ein abgehörtes Telefonat zwischen der EU-Außenbeauftragten Ashton und dem estnischen Außenminister Paet facht die Debatte neu an. Der Inhalt ist heikel, der Zeitpunkt der Veröffentlichung pikant. Nun hat sich auch die Ärztin geäußert, auf die sich Paet in seiner Aussage stützt.

Von Kathrin Haimerl

Kiew, 20. Februar. Eine Stadt im Ausnahmezustand. Die zwischen Präsident Janukowitsch und der Opposition ausgehandelte Waffenruhe hat keine zehn Stunden gehalten. Wieder gibt es Tote, auf dem Maidan kommen die Demonstranten zu einer improvisierten Trauerfeier zusammen. Elf Leichen liegen auf dem Pflaster, notdürftig mit Tüchern bedeckt. Die Männer weisen Schusswunden auf, im Gesicht, am Hals, am Oberkörper, berichtet SZ-Korrespondentin Cathrin Kahlweit.

Am selben Tag veröffentlicht Radio Free Europe ein Video. Darin zu sehen sind zwei Scharfschützen, die offenbar gezielt in Richtung der Demonstranten schießen. Die Opposition beschuldigt den damaligen Staatschef Janukowitsch. Bei den Zusammenstößen in der Hauptstadt Kiew sterben im Februar fast 100 Menschen.

Wer hat auf dem Maidan geschossen?

Ein Telefonat zwischen der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton und dem estnischen Außenminister Urmas Paet facht nun die Debatte neu an. Ashton und Paet zeigen sich beunruhigt über die neue Führung in Kiew. Sie wolle offenbar die Todesschüsse während der Proteste nicht aufklären.

Paet: "Es wird inzwischen immer mehr angenommen, dass hinter den Heckenschützen nicht Janukowitsch steckte, sondern irgendjemand von der neuen Koalition."

Die EU-Außenbeauftragte zeigt sich von den Aussagen des estnischen Außenministers verwirrt:

Ashton: "Ich denke, wir wollen eine Untersuchung. Ich habe davon bislang nichts in Erfahrung gebracht, das ist interessant, meine Güte!"

In dem Telefonat erwähnt Paet eine Frau namens Olga, die den Verdacht geäußert habe, dass möglicherweise Scharfschützen aus den Reihen der Opposition hinter den Schüssen auf die Demonstranten stecken könnten. Er finde es sehr "verstörend", was ihm "eben jene Olga" gesagt habe. Sie sei Ärztin und habe erzählt, dass die Verletzungen der Opfer von beiden Seiten "dieselbe Handschrift" tragen würden.

Das Moskauer Staatsfernsehen hat am Mittwoch den Mitschnitt ausgestrahlt und berichtet, das vom Kreml finanzierte Online-Portal Russia Today stellte die Konversation online. Die estnische Regierung bestätigte inzwischen die Echtheit des Telefonats. Unklar ist, wer es abfing. Die Veröffentlichung durch die russischen Medien zu diesem Zeitpunkt ist aber wohl kein Zufall.

Am Dienstag hatte sich Russlands Präsident Wladimir Putin erstmals öffentlich zu den Geschehnissen auf dem Maidan in Kiew geäußert. Den Umsturz in Kiew bezeichnete er als "verfassungswidrig". Er habe keine Ahnung, wer den Scharfschützen den Schießbefehl erteilt habe. Vermutlich seien es Provokateure oppositioneller Gruppen gewesen.

Und am Tag darauf gelangt ein Telefonat an die Öffentlichkeit, in dem Estlands Außenminister Argumente für Putins Sicht der Dinge liefert.

Es ist das zweite Mal innerhalb kurzer Zeit, dass ein vertrauliches Gespräch von Top-Diplomaten an die Öffentlichkeit gerät. Im vergangenen Monat hatte wohl der russische Geheimdienst ein Telefonat der US-Sonderbeauftragten Victoria Nuland mitgeschnitten.

Ärztin dementiert Aussagen

Bei der im jetzt veröffentlichten Telefonat erwähnten "Olga" soll es sich russischen Medienberichten zufolge um die der Opposition nahestehenden Ärztin Olga Bogomolets handeln. Auch sie war ursprünglich für einen Ministerposten in der neuen Regierung in Kiew vorgesehen, lehnte dann aber ab.

Die Ärztin kümmerte sich auf dem Maidan um die Verwundeten der Krawalle, am 19. Februar sagte sie dem britischen Nachrichtensender BBC, dass sie Menschen mit Schusswunden behandele. Auch soll sie Paet zufolge die Opfer der gewaltsamen Ausschreitungen untersucht haben. Sie soll dem estnischen Außenminister gesagt haben, dass die Janukowitsch-Anhänger und die Oppositionellen mit denselben Kugeln getötet worden seien.

Bogomolets aber hat dies inzwischen dementiert, wie der britische Telegraph berichtet. Dessen Reporter hat mit der Ärztin gesprochen.

Demnach sagt sie:

"Ich habe nur die Demonstranten untersucht. Von den Wunden der Militärs habe ich keine Ahnung."

Weiter erklärt sie, dass man anhand der Wunden keine Rückschlüsse auf den Waffentyp ziehen könne. Die Aussage von Paet, wonach die Scharfschützen auf Befehl der Oppositionellen gehandelt haben könnte, könne sie nicht nachvollziehen.

Sie setzt sich für eine ausführliche forensische Untersuchung der Vorfälle ein: "Ich hoffe, dass internationale Experten und ukrainische Ermittler bestimmen können, um welche Waffen es sich handelt, wer in die Morde verwickelt war und wie es geschah."

Der estnische Außenminister hat inzwischen über seine Sprecherin mitteilen lassen, dass er die Veröffentlichung der Aufnahme verurteile. Er weise es zurück, dass er die Einschätzung geäußert habe, dass die Opposition in die Gewalt verwickelt gewesen sei.

Der estnische Botschafter in der Ukraine sagte der KyivPost, dass Paets Äußerungen keinesfalls die offizielle Position des Landes seien. Vielmehr sei es möglich, dass "eine dritte Partei" hinter den Tötungen stecke. Vor dem Hintergrund der aktuellen Geschehnisse auf der Krim ist klar, wen er damit meint: Russland.

Dessen Außenminister Sergej Lawrow versuchte bei den Krisengesprächen am Mittwoch, mit US-Außenminister Kerry und Catherine Ashton über das belauschte Telefonat zu sprechen. Nach Aussagen von Diplomaten hätten ihn beide abblitzen lassen.

Die nächste Runde im Propagandakrieg ist eröffnet.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version stand eine ungenaue Übersetzung des Ashton-Zitats. Auf einen Leserhinweis hin wurde dies korrigiert.

Mit Material von AFP und dpa