Von John Gray

Der Westen ist voller Illusionen über seinen Platz in der Welt. Gegenüber Russland sollte er sein Verhalten ändern.

Die derzeitige Panik über Russland ist ein merkwürdiges Phänomen. Nach jedem objektiven Maßstab sind die Russen in dem autoritären Staat, den Wladimir Putin errichtet hat, freier als zu irgendeinem Zeitpunkt in der Sowjetunion. Vielen geht es auch materiell besser. Russland hat seine Expansionspolitik aufgegeben und ist heute eine kleinere Version dessen, was es immer war - ein eurasisches Imperium, dessen Hauptsorge der Schutz vor externen Bedrohungen ist. Dennoch verhält sich der Westen feindseliger als während der meisten Zeit des Kalten Krieges. Damals sahen nicht wenige Linke in der Sowjetunion, die für viele Millionen Tote verantwortlich war, ein im Grunde gütiges Regime.

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Westliche Politiker sollten ihr Verhalten gegenüber dem Kreml ändern, empfiehlt John Gray. (© Foto: dpa)

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Um nachvollziehen zu können, wie es so weit kommen konnte, muss man den Fortschrittsglauben verstehen, der im Westen parteiübergreifend die Wahrnehmung prägt. Der sowjetische Zusammenbruch war eine Niederlage für den Kommunismus, einer prototypisch fortschrittlichen Ideologie. Die Aussicht, dass das postkommunistische Russland den Neoliberalismus annehmen würde, bestand nie. So etwas wie Putins Russland war indes vorbestimmt - doch die Rückkehr der Geschichte steht nicht im Drehbuch des Fortschritts.

Die meisten führenden westlichen Politiker sind moderne Jünger Woodrow Wilsons. Sie glauben mit religiöser Inbrunst an das, was Francis Fukuyama erst kürzlich als ,"den Marsch der Geschichte in Richtung globale Demokratie" beschrieben hat. Wohlstand führt zu Verbürgerlichung und damit zu liberalen Werten. Russland - reich, nationalistisch und autoritär wie es ist - passt nicht in dieses märchenhafte Weltbild. Die Reaktion des Westens ist eine Mischung aus Drohgebärden und wachsender Panik.

Der Westen hat nicht mehr das Sagen

Nichts ist törichter als das Gerede von einem neuen Kalten Krieg. Was wir erleben, ist das Ende der Ära nach dem Kalten Krieg und das Wiederaufflammen geopolitischer Konflikte, wie es sie im späten 19. Jahrhundert gab. Geblendet von modischem Unsinn über die Globalisierung, glauben westliche Politiker, dass sich die liberale Demokratie unaufhaltsam verbreitet. Tatsache ist: Republiken und Imperien, freie und unfreie Demokratien und eine große Vielfalt autoritärer Staatsformen werden uns vorerst erhalten bleiben.

Die Globalisierung ist nicht mehr als die fortschreitende Industrialisierung des Planeten, und der zunehmende, strategisch motivierte Rohstoff-Nationalismus ist ein wesentliches Merkmal dieses Prozesses. Indem Russland seine Rohstoffe als Waffe einsetzt, widersetzt es sich nicht der Globalisierung, sondern nutzt deren Widersprüche aus.

Es wird wieder klassische Großmachtpolitik gemacht, mit wechselnden Allianzen und Einflusssphären. Der Unterschied ist nur, dass der Westen nicht mehr das Sagen hat. Mit ihren unterschiedlichen Historien und mitunter vollkommen gegenläufigen Interessen werden Russland, China, Indien und die Golfstaaten in keiner Weise irgendeinen neuen Block bilden. Aber es sind diese Länder, die die Entwicklung der Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts bestimmen.

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