Von Bernd Oswald

Die gute Nachricht: Von Jahr zu Jahr nimmt die Zahl der Länder zu, die die Todesstrafe abschaffen. Die schlechte Nachricht: Auch 2005 wurden mindestens 2148 Menschen vom Staat hingerichtet. Zigtausend anderen droht das gleiche Schicksal.

Robin Lovitt hatte nur noch Stunden zu leben. Dann würde er in die Geschichte eingehen - als 1000. Hingerichteter seit der Wiedereinführung der Todesstrafe in den USA 1977. Sein Vergehen: Er hatte nach Ansicht des Gerichts im November 1998 in Arlington bei Washington den Spielhallen-Manager Clayton Dicks erstochen. Im Jahr darauf wurde er zum Tode verurteilt.

Robin Lovitt entkam der Todespritsche in letzter Minute. (© Foto: dpa)

Anzeige

Doch dann passierte, was extrem selten passiert: Lovitt wurde unmittelbar vor Beginn der Exekution begnadigt. Mark Warner, der damalige Gouverneur von Virginia, wandelte die Todesstrafe in eine lebenslange Freiheitsstrafe um. Der demokratische Gouverneur gründete seine Entscheidung darauf, dass ein Großteil der Beweismittel in rechtswidriger Weise zerstört wurde. So konnte keine weitere DNS-Analyse mehr durchgeführt werden, die Robin Lovitt hätte entlasten können - wie es seine Rechtsanwälte immer gefordert hatten.

Zum Teil war die Entscheidung Warners auch von der internationalen Protestflut beeinflusst. Ein Sprecher des Gouverneurs sagte, dass er im Fall Lovitt jeden Tag etwa 1500 Briefe, E-Mails und Telefonanrufe aus der ganzen Welt erhalten hatte. Nahezu in allen diesen Appellen wurde eine Aufhebung des Todesurteils gefordert.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (ai) hatte den Fall Lovitt zu einer "Urgent Action" gemacht und seine Mitglieder aufgefordert, sich in Briefen und Faxen an Gouverneur Warner für die Umwandlung der Todesstrafe in eine Haftstrafe stark zu machen.

Bei solchen Dringlichkeitsappellen - nicht nur gegen Todesurteile - kommen nach Angaben von Oliver Hendrich, dem Todesstrafen-Experten von Amnesty International Deutschland, mehrere Zehntausend Appelle zusammen.

ai ist die bekannste Organisation der Weltkoalition gegen die Todesstrafe, die mit groß angelegten Kampagnen, Aktionen und dem 10. Oktober als Weltgedenktag für ihr Anliegen eintreten. Ein langwieriger Kampf, der aber Erfolg zeigt: In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der Staaten, die hinrichten, halbiert. Einige Staaten seien zu der Erkenntnis gelangt, "dass ihnen die Todesstrafe keine Vorteile bringt und eben nicht mit den Menschenrechten in Einklang zu bringen ist", sagt Hendrich.

Im Schnitt schaffen pro Jahr drei Staaten diese Strafe ab, 2005 vollzogen Mexiko und Liberia diesen Schritt. Nun gehören sie zu den 123 Ländern, in denen es die Todesstrafe de jure oder de facto nicht mehr gibt, wie aus der Todesstrafen-Statistik hervorgeht, die Amnesty International am Donnerstag veröffentlicht. Oliver Hendrich führt das zum Teil auch auf die Arbeit seiner Organisation zurück, die den Kampf für die weltweite Abschaffung der Todesstrafe zu einem ihrer Kerngebiete gemacht hat.

China richtet die meisten Menschen hin

Dennoch gibt es noch immer 73 Staaten, die Menschen hinrichten. 2005 starben mindestens 2148 Menschen auf staatliche Anordnung, 5186 wurden zum Tode verurteilt. Beide Zahlen sind im Vergleich zu 2004 um 44 Prozent (Hinrichtungen) bzw. 30 Prozent (Todesurteile) gesunken. Allerdings sitzen amnesty zufolge weltweit mehr als 20.000 Menschen in Todeszellen.

Am weitesten verbreitet ist der Vollzug der Todesstrafe in Asien. Schon seit Jahren steht die Volksrepublik China an der Spitze dieser traurigen Statistik. 2005 richtete China mindestens 1770 Menschen hin. Diese Zahl bezieht sich nur auf öffentlich dokumentierte Fälle. Amnesty International vermutet, dass die tatsächliche Zahl bei etwa 8000 gelegen hat.

Hinter China folgen Iran (94 Hinrichtungen) und Saudi-Arabien (86). Daneben gibt es 15 weitere asiatische Staaten, die 2005 Menschen hinrichten ließen. Außerdem zwei afrikanische Staaten (Libyen und Somalia) sowie einen europäischen (Weißrussland) und die USA.

Die Vereinigten Staaten richteten 2005 60 Menschen hin. "Erfreulich ist, dass die USA 2005 die Todesstrafe für minderjährige Täter abgeschafft haben", sagt Hendrich.

Dennoch sind die USA das einzige Land der westlichen Welt, das die Todesstrafe nach wie vor anwendet. Zwischen 50 und 100 Menschen sterben jedes Jahr in den 38 Bundesstaaten, die die Todesstrafe anwenden. Robin Lovitt kam vergangenes Jahr zwar mit dem Leben davon; es dauerte aber nur zwei Tage, bis der 1000. Mensch seit 1977 hingerichtet wurde: Am 2. Dezember starb Kenneth Boyd in North Carolina an einer Giftinjektion.

Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de)