Tod von Schalck-Golodkowski Schattenmann mit Sonnenbrille

Mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß (CSU, li.) fädelte Schalck-Golodkowski 1983 einen Milliardenkredit für die DDR ein.

(Foto: dpa)

Er war Chef der DDR-Spezialbehörde Koko, einem Mittelding zwischen Staatsfirma und Mafiaunternehmen. Er beschaffte Miliarden mit schmutzigen Geschäften. Zum Tod des früheren Devisenbeschaffers und Stasi-Oberst Alexander Schalck-Golodkowski.

Von Hans Leyendecker

Fast sechzigmal sind Franz Josef Strauß und Alexander Schalck-Golodkowski in den Achtzigerjahren zusammengekommen, und in einem der ersten Gespräche fragte Strauß: "Wollen Sie Ihre Akte sehen, die der Bundesnachrichtendienst von Ihnen hat?" Schalck-Golodkowski soll geantwortet haben: "Ich habe Ihre Akte auch dabei."

Schalck-Golodkowski war Staatssekretär im Ostberliner Außenhandelsministerium, er war Stasi-Oberst, aber vor allem war er Chef einer Spezialbehörde, die "Kommerzielle Koordinierung" (Koko) hieß und weltweit mehr als 220 Tarnfirmen hatte. Die Koko verdiente bei Häftlingsfreikäufen mit, organisierte den illegalen Technologietransfer in die DDR, verkaufte Waffen und machte auch bei anderen schmutzigen Geschäften mit.

Oberster Menschenhändler

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Systematisch wurden etwa Kunstsammler in der DDR ausgeraubt. Meist wurden sie beschuldigt, gegen irgendwelche Steuergesetze verstoßen zu haben. Sie kamen ins Gefängnis, die Kunst wurde ihnen weggenommen und von der Koko-Firma "Kunst&Antiquitäten GmbH" an reiche Kundschaft im Westen verkauft.

Schalck-Golodkowski war der Mann für Geschäfte und Zahlen. Mit Franz Josef Strauß hat er den großen Milliardenkredit eingefädelt und gemeinsam mit Gerhard Schürer, dem Leiter der Staatlichen Planungskommission der DDR, hat er am Ende dem Politbüro gesagt, dass die DDR kurz vor dem Bankrott stehe.

Ein Mittelding zwischen Staatsfirma und Mafiaunternehmen

Die Gesamteinnahmen der Koko, die ein Mittelding zwischen Staatsfirma und Mafiaunternehmen war, sollen sich nach westdeutschen Rechnungen auf 14 Milliarden Euro belaufen haben. Schalck-Golodkowski holte nach eigener Rechnung umgerechnet 24 Milliarden Euro herein. Ein großer Teil der Devisen kam der DDR-Volkswirtschaft zugute, ein Teil wurde auf Auslandskonten geschafft und einiges floss in die Bonzen-Siedlung Wandlitz. Die Koko beschaffte Brillanten und Kosmetik für die Damen und Pornos und Gewehre für die Herren.

Es hat viele graue, aber auch interessante Figuren in der jüngeren deutsch-deutschen Geschichte gegeben. Schalck-Golodkowski war der große Schattenmann mit Sonnenbrille, der sehr durchsetzungsfähig war. Seine Gegner hielten ihn für einen Politkriminellen; die ihn mochten, schätzten seine Effizienz und Verlässlichkeit.

Er war 1,90 Meter groß, hatte in der Jugend geboxt und war vom Feinmechaniker zum Koko-Chef aufgestiegen. Als er 1970 seine Doktorarbeit vorlegte, war Erich Mielke, der Minister für Staatssicherheit, bei der mündlichen Erörterung der Dissertation dabei.

Als die Mauer fiel, erschien im November 1989 im Spiegel eine Titelgeschichte mit der Zeile: "Fanatiker der Verschwiegenheit. Die einträglichen Devisengeschäfte des Alexander Schalck-Golodkowski". "Das wird unangenehm für Sie", soll ihm vor der Veröffentlichung Wolfgang Schäuble gesagt haben, der Schalck-Golodkowski eigentlich für die deutsch-deutschen Verhandlungen brauchte.

Er bat flehentlich, nicht in U-Haft in Ost-Berlin zu kommen

Schalck-Golodkowski setzte sich nach West-Berlin ab, kam in Untersuchungshaft und bat flehentlich, nicht nach OstBerlin verschubt zu werden. Er gehe davon aus, sagte er seinen westdeutschen Vernehmern, die U-Haft in Ost-Berlin "allenfalls eine Woche zu überleben".

Er kam frei, der Bundesnachrichtendienst gab ihm den Decknamen "Schneewittchen" und befragte ihn kräftig. Er berichtete über Einzelheiten des Wirtschaftsdesasters in der DDR, schilderte Eifersüchteleien im Politbüro und fiel durch sein exzellentes Gedächtnis auf. Schalck-Golodkowski wurde mehrfach der Prozess gemacht. Zweimal wurde er verurteilt, insgesamt zu 16 Monaten Haft auf Bewährung. Etliche Ermittlungsverfahren wurden eingestellt. Zwei Untersuchungsausschüsse des Bundestages beschäftigten sich mit ihm und der Koko.

Es gab zu wenige Telefone

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Er zog mit seiner Frau an den Tegernsee, war Berater großer Unternehmen , telefonierte manchmal mit Egon Krenz, der am Ende SED-Chef und Staatsoberhaupt der DDR war und Schalck-Golodkowski sehr schätzte. Von fast allen anderen hielt er sich fern.

Schalck-Golodkowski hatte Prostata-Krebs, wurde deshalb zweimal operiert, er hatte Kreislauf- und Herzprobleme und bekam einen Rollator. Als es zu Ende ging, soll der Mann, der Frau und zwei Kinder hatte, gesagt haben, er wolle daheim sterben. Ein Krankenbett wurde in seine Wohnung in Rottach-Egern gestellt. Er starb dort am Sonntagabend im Alter von 82 Jahren im Kreis seiner Familie.