Von Katrin Blawat und Nina von Hardenberg

Bisher gibt es nur in fünf Bundesländern Vorschriften, jetzt fordert die Koalition strenge bundesweite Regeln zum Infektionsschutz.

Angesichts der sich häufenden Hygieneskandale in Krankenhäusern wollen die Koalitionsparteien die Regeln zur Hygiene verschärfen. "Mehr als 600000 Infektionen pro Jahr in Kliniken sind ein Skandal", sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn. Schätzungen zufolge sterben jährlich 15000 Menschen, weil sie sich im Krankenhaus mit gefährlichen Keimen anstecken. Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) will mit den für die Hygiene zuständigen Ländern über das Thema reden.

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Die stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Ulrike Flach nannte es "unbefriedigend", dass bislang nur knapp ein Drittel der Bundesländer - Nordrhein-Westfalen, Berlin, Bremen, Sachsen und Saarland - Vorschriften zum Infektionsschutz erlassen hätten. Künftig müssten bundesweit einheitliche Regeln gelten, forderte Flach. Dazu könnte das Infektionsschutzgesetz geändert werden. Beide Politiker wollen die Patienten vor allem vor den sogenannten multiresistenten Erregern besser schützen, gegen die keine Antibiotika mehr wirken.

In Deutschland reagiert in einigen Kliniken etwa ein Fünftel der Krankenhauskeime nicht mehr auf Antibiotika. Grund dafür ist zum einen ein zu sorgloser Umgang mit den Medikamenten. Zum anderen tragen einige Patienten bereits unbemerkt resistente Keime in sich, wenn sie ins Krankenhaus kommen. "Wir müssen prüfen, alle Patienten zu isolieren, die mit Infektionsverdacht ins Krankenhaus kommen", sagte Spahn. Ein solches Modell habe sich unter anderem in den Niederlanden bewährt. Flach regte außerdem schärfere Sanktionen für Kliniken an, die schwere Fälle von Infektionen mit multiresistenten Keimen nicht melden. Eine solche Meldepflicht besteht seit Mai 2009.

Die neuerliche Diskussion über bessere Hygienevorschriften war nach dem Tod dreier Kinder in der Mainzer Universitätsklinik aufgekommen. Die Kinder hatten eine verunreinigte Infusion erhalten. Der dritte Säugling war - wie am Dienstag bekannt wurde - am Montagabend verstorben. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) stecken sich jährlich 600.000 Menschen in deutschen Kliniken an - ein Drittel der Infektionen ließe sich durch bessere Hygiene vermeiden, schätzt das RKI.

Anders als Spahn und Flach setzt Gesundheitsminister Rösler beim Thema Hygiene auf die Länder, die laut Verfassung auch dafür zuständig sind. Der Minister sei von den Vorfällen in Mainz "tief betroffen" und nehme die Vorfälle sehr ernst. Rösler werde bei der nächsten Gesundheitsministerkonferenz gemeinsam mit den Länderministerien zusätzliche Regelungen für eine bessere Hygiene erörtern.

Fachleute sind sich einig, dass sich die hygienischen Zustände in den Kliniken bereits mit einfachsten Maßnahmen erheblich verbessern lassen. Dazu gehört unter anderem, dass sich Ärzte und Pfleger regelmäßig die Hände desinfizieren, was im Klinikalltag oft vernachlässigt wird. Zudem fordert die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene seit langem, dass Häuser mit mehr als 400 Betten einen hauptamtlichen Hygieniker beschäftigen sollten. Nach Schätzungen des Hygiene-Experten Alexander Friedrich vom Universitätsklinikum Münster gibt es diese Expertise bislang in etwa neun von zehn Krankenhäusern nicht. Er schlägt vor, dass sich kleinere Spitäler zusammenschließen und gemeinsam einen hauptamtlichen Hygienearzt einstellen sollten.

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(SZ vom 25.8.2010)