Er hat den Stadtplan von Amdo Ngawa fotokopiert, hat eingezeichnet, wo der Protestzug an diesem Tag entlangging, die Hauptstraße hinunter, die er seit seiner Flucht aus Tibet nicht mehr gesehen hat. Der Vater des Mädchens hat in einem Telefonat erzählt, wie ihm Tibeter die Leiche seines Kindes nach Hause gebracht haben, und dass man sie von hinten erschossen hatte. Jetzt sorgt Choedak Trotsik dafür, dass der Tod seiner Cousine nicht vergessen wird. Er macht seit dem 16. März nichts anderes.

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Vor zehn Jahren ist er geflüchtet, hat den anstrengenden Marsch über den Himalaya gemacht, ist in Nepal angekommen, weiter nach Dharamsala geschickt worden und hat dann seine Ausbildung gemacht. Jetzt sitzt er da, Computer, Mobiltelefon, ein kleines, rasendes Büro. 25 Jahre ist er alt. Er klickt auf ein Bild, wo er zu sehen ist mit dem Dalai Lama. Er weiß, dass er nicht mehr zurückkehren kann, er ist politisch aktiv, sein Name ist bekannt, wenn er mit seiner Mutter telefoniert, weinen sie beide, er macht es möglichst selten. Ihr zuliebe.

Dann ist er wieder bei den Toten und den Verhafteten, momentan komme nichts heraus aus Tibet, sie haben viele Wege und Möglichkeiten, Mobiltelefone, Laptops, auch nach dem 10. März kamen Informationen, spärlich, aber sie kamen. Doch seit ein paar Tagen ist so gut wie nichts mehr gekommen. Auch unten in Dharamsala, im kleinen Parlamentsgebäude der Exilregierung, wo das Solidaritätskomitee arbeitet, das sofort nach den Aufständen gegründet wurde, um Informationen zu sammeln, zu übersetzen und weltweit zu verteilen, bekommen sie immer weniger. Bis jetzt ist auch noch keiner über die Grenze gekommen, der am 10. März noch im Land war.

Streit unter Freunden

Es klingelt unter der roten Mönchskutte von Choedak Trotsik, er ignoriert es und sagt: "Was die Chinesen machen, ist ein Krieg gegen unsere Kultur, dagegen müssen wir kämpfen. Aber der Dalai Lama ist ein friedlicher Mann, nicht wie ein normaler Mensch, er ist sehr geduldig. Er hat recht, wenn er den Mittelweg predigt, es ist ein Weg, mit dem alle leben können, auch die Chinesen. In Tibet geht es den Leuten jetzt schlecht, wir müssen ihnen helfen."

Mansher Lokdun schaut ihn an, auch er ist Mönch, auch er ist 1998 geflohen, auch er ist jung. Aber er sagt, die Geschichte habe es gezeigt, den Chinesen sei nicht zu trauen, sie hätten sich an Abmachungen nie gehalten, es gebe nur eine Chance: die Unabhängigkeit. Die zwei schauen sich an, lächeln. "Ja, so ist das, er hat eine komische Meinung, aber ich mag ihn, wir sind die besten Freunde", sagt Choedak Trotsik, schlägt dem anderen auf die Schulter.

Alle hier wissen, dass die Medien immer öfter von einer unüberwindlichen Kluft sprechen, die sich durch die tibetische Gemeinschaft zieht, von Entfremdung und einem Bruch zwischen Dalai Lama und den Tibetern. Choedak Trotsik lacht. "Wir sind doch keine Kommunisten, bei uns darf jeder seine Meinung sagen. Ich verstehe auch, wenn man für die Unabhängigkeit ist, aber ich glaube, dass das Denken des Dalai Lama größer ist, seine Ideen sind größer."

Mansher Lokdun schaut ihn an, schüttelt den Kopf: "Ihnen ist nicht zu trauen." Choedak Trotsik sagt: "Es gab auch Zeiten, in denen wir gut miteinander ausgekommen sind, und viele Chinesen sind Buddhisten wie wir." - "Nein, alles, woran sie denken, ist Geld, sie wollen unser Land ausrauben. Und sie sind Mörder." - "Wir müssen doch in die Zukunft schauen, nicht immer nur zurück. Mit dem Mittelweg können wir unsere Autonomie friedlich erreichen." - "Das können wir auch mit der Unabhängigkeit, alle kommunistischen Systeme sind zusammengebrochen."

Und oben am Berg zelebriert ein alter Lama in einem winzigen Tempel einen uralten schamanischen Ritus mit 107 Butterlampen und tantrischen Versen, den keiner von den jungen Mönchen kennt und den wahrscheinlich auch keiner mehr kennenlernen wird. Denn in diesen Riten gibt der Vater sein Wissen an den Sohn weiter. Aber der Sohn ist in Russland Hotelmanager geworden.

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