Von Henrik Bork, Peking

Mit zusammengebissenen Zähnen, aber immerhin: Peking will sich mit Vertretern des Dalai Lama treffen. Drei Monate vor den Olympischen Spielen hat Peking seine Taktik damit geändert.

Die Ankündigung war so knapp, als hätte sie jemand zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorgepresst. China wolle "in den nächsten Tagen" den Dialog mit Vertretern des Dalai Lama aufnehmen, meldete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua am Freitag. Drei kurze Sätze folgten, dann war wieder Schluss.

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Blickwechsel: Die chinesische Regierung scheint sich dem internationalen Druck in der Tibetfrage zu beugen. (© Foto: dpa)

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Trotzdem ging die Nachricht wie ein Lauffeuer um die Welt. Denn China hat damit drei Monate vor den Olympischen Spielen in Peking seine Taktik in der Tibetfrage entscheidend geändert.

Den Dialog mit dem Dalai Lama hatten unter anderem George W. Bush, Angela Merkel und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso gefordert. Chinas Weigerung schien zunehmend die Olympischen Spiele zu überschatten.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hatte angedeutet, nur nach Aufnahme eines solchen Dialogs zur Eröffnungsfeier reisen zu wollen. Erkennbar erleichtert waren die ersten Reaktionen. "Wir freuen uns, dass die Regierung in Peking einen solchen Schritt ankündigt", sagte Martin Jäger, Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin.

Die freudige Nachricht muss jedoch mit einem gehörigen Schuss Skepsis aufgenommen werden. Schon der Ton der kurzen Xinhua-Meldung machte deutlich, mit welchem Misstrauen die kommunistische Führung dem Dalai noch immer begegnet.

Nur mit einem "privaten Vertreter" des Dalai Lama werde man sich treffen, erklärten die Chinesen, um keinesfalls die Frage einer Anerkennung der tibetischen Exilregierung aufkommen zu lassen. Der Dalai müsse auch aufhören, "das Vaterland zu spalten, zu Gewalt anzustiften, die Olympischen Spiele zu stören und zu verderben", verlangte Chinas Regierung laut Xinhua.

In Dharamsala war man am Freitag zunächst überrascht von der Offerte. Denn noch vor kurzem hatten Chinas Spitzenpolitiker und Staatsmedien den Dalai Lama als "Wolf in Mönchskutte" beschimpft. Der jetzige Schwenk zur Dialogbereitschaft geht auf den massiven Druck aus dem Ausland zurück. Chinas Führung ist zu dem Schluss gekommen, dass ein paar Gespräche ein akzeptabler Preis sind, um ihr Image vor den Spielen wieder aufzupolieren.

Dass Peking schon bald zu ernsthaften Konzessionen bereit sein wird, kann zwar nicht ausgeschlossen werden, ist jedoch mit Blick auf bisherige Dialoge höchst zweifelhaft. Nach seiner Flucht ins Exil im Jahr 1959 hatte das weltliche und geistige Oberhaupt der Tibeter erstmals im Jahr 1978 wieder direkten Kontakt zu Peking gesucht.

Diese Gespräche fanden 1993 ein Ende, nur geheime Treffen wurden fortgesetzt. Erst im Jahr 2002 war Peking erneut zu hochrangigen Begegnungen mit Tibetern bereit. Schon damals ging es um politische Entspannung vor den Olympischen Spielen.

Im Juli 2002 konnte der Bruder des Dalai Lama, Gyalo Thondup, Tibet besuchen. Und im September desselben Jahres reisten zwei Sondergesandte des Dalai Lama nach China, Lody Gyari und Kelsang Gyaltsen. Danach gab es noch drei weitere Gesprächsrunden, die letzte im Juni 2007. Doch kein einziges dieser Gespräche brachte nennenswerte Fortschritte.

Der Dalai Lama hat im Laufe der Jahre mehrere wichtige Konzessionen gemacht. Während er früher im Fall seiner Rückkehr nur die Außen- und Sicherheitspolitik an China abtreten wollte, hat er seit einigen Jahren seine Ansprüche stark heruntergeschraubt. Er hat sich wiederholt explizit von Unabhängigkeitsforderungen distanziert und verlangt auch keine politische und wirtschaftliche Autonomie mehr, sondern lediglich die Selbstbestimmung des tibetischen Volks in "religiösen und spirituellen Fragen".

Die kommunistische Führung jedoch zeigte bislang nur oberflächlich Dialogbereitschaft, verschanzte sich aber beharrlich hinter einigen Grundsatzforderungen. Eine davon wurde jetzt auch erneut von Xinhua wiederholt. Tibet sei "in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein unabtrennbarer Bestandteil Chinas", schrieb die Agentur.

Peking verlangt vom Dalai Lama seit Jahren eine ähnlich lautende Erklärung. Damit müsste er nicht nur eine potenzielle Unabhängigkeit für alle Zukunft aufgeben, sondern auch die Unabhängigkeit seiner eigenen Regierung vor dem Einmarsch der rote Armee in Lhasa im Jahr 1950 nachträglich negieren.

China wäre dann vom Vorwurf der Besatzung eines unabhängigen Landes befreit. Zu diesem Umschreiben der Geschichte, einer Spezialität von Kommunisten weltweit, war der Dalai Lama allerdings bislang nicht bereit.

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(SZ vom 26.4.2008/bavo)