Zum ersten Mal seit Beginn der Unruhen in Tibet hat Peking zugegeben, dass die Staatsgewalt einen "Aufständischen" getötet hat. Der angebliche Rädelsführer habe sich bei einer Verfolgung seiner Verhaftung widersetzt und sei im Schusswechsel mit der Polizei tödlich verwundet worden.

In China ist nach Berichten staatlicher Medien ein tibetischer "Aufständischer" von der Polizei erschossen worden. Der Vorfall habe sich in einer von vielen Tibetern bewohnten Region in der Provinz Qinghai ereignet, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua am Mittwoch. Auch ein Polizist sei bei der Schießerei am Montag getötet worden. Damit gab Peking zum ersten Mal seit Beginn der Unruhen in Tibet zu, dass die Staatsgewalt jemanden getötet hat.

China, Tibet, dpa

Tibetische Mönche protestieren in der Provinz Qinghai (Archivbild). (© Foto: dpa)

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Im Dari-Kreis hatten am 21. März tibetische Hirten demonstriert. Sie seien von "Aufrührern", die eine Unabhängigkeit Tibets anstrebten, "aufgehetzt" worden, berichtete Xinhua. Der angebliche Rädelsführer habe sich bei einer Verfolgung am Montag seiner Verhaftung widersetzt. Bei dem folgenden Schusswechsel sei der Polizist tödlich verwundet worden. Darauf hätten andere Polizisten das Feuer erwidert und den Verdächtigen getötet, hieß es bei Xinhua.

Bisher hatte China immer darauf bestanden, dass die Streitkräfte bei ihren Einsätzen in Tibet und umliegenden Provinzen niemanden getötet haben. Offiziellen Angaben zufolge starben bei den Anfang März begonnenen Unruhen 20 Menschen. Dafür seien aber tibetische "Aufständische" verantwortlich gewesen, heißt es aus Peking. Nach Angaben der tibetischen Exil-Regierung wurden bei der Niederschlagung der Unruhen durch die chinesische Armee und Sicherheitskräfte mehr als 200 Menschen getötet.

Erste Urteile nach anti-chinesischen Protesten in Tibet

Das olympische Feuer wurde an diesem Mittwoch aus Vietnam kommend in Hongkong erwartet. In der Hafenmetropole macht die Flamme bis Freitag eine Zwangspause, da die Etappe über Taiwan wegen politischer Streitigkeiten abgesagt worden war.

Die demokratische Inselrepublik, die von Peking nur als abtrünnige Provinz betrachtet wird und die der olympischen Bewegung deswegen nur als "Chinesisch Taipeh" angehört, hatte seine Nationalflagge am Wegesrand hissen und auf die Nationalhymne spielen wollen, was Olympia-Gastgeber China nicht zulassen wollte.

Unterdessen hat die chinesische Justiz am Dienstag eineinhalb Monate nach den anti-chinesischen Protesten in Tibet die ersten Urteile gesprochen. Wegen gewalttätiger Ausschreitungen bei den Protesten Mitte März in der tibetischen Hauptstadt Lhasa wurden 30 Angeklagte zu Haftstrafen zwischen drei Jahren und lebenslang verurteilt, wie der Sender CCTV news berichtete. "Wer das chinesische Gesetz bricht, sollte auch vom Gesetz bestraft werden", sagte eine Sprecherin des chinesischen Außenministeriums.

Drei der 30 Angeklagten wurden bei dem Prozess in Lhasa zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt, sieben erhielten Haftstrafen ab 15 Jahren. Nach Angaben des Fernsehsenders wurden die Angeklagten unter anderem wegen Brandstiftung, Plünderung, Diebstahls, des Angriffs von Staatsorganen und der Anstiftung zu Kämpfen verurteilt. CCTV zeigte Bilder der 30 Angeklagten in orangenen Jacken. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua hatte zuvor 17 Verurteilte gemeldet.

Die Proteste hatten am 10. März in der tibetischen Hauptstadt Lhasa begonnen. Peking wirft den anti-chinesischen Demonstranten vor, 18 Zivilisten und einen Polizeibeamten getötet und mehr als 600 Menschen verletzt zu haben. Peking hatte stets behauptet, "mit Zurückhaltung" auf den Konflikt reagiert zu haben. Die chinesischen Sicherheitskräfte hatten die Proteste niedergeschlagen und nach offiziellen Angaben etwa 400 Menschen festgenommen.

Die tibetische Exilregierung bezifferte Zahl der Todesopfer auf mittlerweile mindestens 203. Zudem seien etwa 1000 Menschen verletzt und mindestens 5175 im Rahmen der Proteste festgenommen worden. Zunächst waren die tibetische Führung und Exil-Tibeter-Organisationen von 150 Todesopfern und 2000 Festnahmen ausgegangen. Ein Sprecher der tibetischen Exilregierung sagte, die Proteste hätten sich nicht gegen Chinesen sondern die "falsche Politik" der chinesischen Regierung gerichtet.

100 Exil-Tibeter festgenommen

Bei anti-chinesischen Protesten sind am Dienstag mehr als 100 Exil-Tibeter in Nepals Hauptstadt Kathmandu festgenommen worden. Die Demonstranten hatten sich zu einer Kundgebung vor der chinesischen Botschaft versammelt, wie die Polizei mitteilte. Unter den insgesamt 114 Festgenommenen seien etwa 50 buddhistische Nonnen und Mönche.

"Ich demonstriere für die Freiheit meines Landes", sagte ein 13-jähriger Teilnehmer kurz vor seiner Festnahme. China müsse aufhören, in Tibet zu töten. Er habe erst kürzlich von der Ermordung seiner Verwandten im Süden Chinas erfahren.

Seitdem die Proteste gegen die chinesische Tibet-Politik im vergangenen Monat in Lhasa ausgebrochen waren, hatte es immer wieder Demonstrationen mit Festnahmen in Kathmandu gegeben. Die Festgesetzten wurden zumeist noch am Abend des gleichen Tages wieder freigelassen. In Nepal leben etwa 20.000 Exil-Tibeter.

Olympische Flamme erreicht chinesischen Boden

Inzwischen hat am Mittwoch die olympische Fackel chinesischen Boden erreicht. Die Fackel traf am Nachmittag (Orstzeit) aus dem vietnamesischen Hanoi in der chinesischen Sonderverwaltungsregion Hongkong ein. Während die Flamme auf dem internationalen Flughafen von Hongkong aus dem Flugzeug getragen wurde, winkten Kinder mit Fähnchen. Die Fackel wurde mit einem Bus zu einem geheimen Ort gebracht, bevor sie am Freitag durch die Stadt getragen werden sollte. Die China-Route der Fackel führt auch durch Tibet.

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(sueddeutsche.de/dpa/AFP/mkf)