Thilo Sarrazin Alle sind empört - außer Roland Koch

Hessens scheidender Ministerpräsident stellt sich hinter Thilo Sarrazin. Seine umstrittenen Äußerungen über Migranten in Deutschland müssten erlaubt sein. Sarrazin selbst hält sie sogar für sozialdemokratisch.

Hessens scheidender Ministerpräsident Roland Koch (CDU) hat sich angesichts der öffentlichen Empörung über die Äußerungen Thilo Sarrazins hinter den SPD-Politiker gestellt. Koch warnte im defacto-Sommerinterview des Hessischen Rundfunks (hr) davor, das Thema Zuwanderer auszublenden. Immerhin stecke viel Lebenserfahrung in den Berichten Sarrazins.

"Ich halte nichts davon, dass das, was er sagt, in diese üblichen Politikreflexe hineingeschoben wird: Darüber darf man nicht reden! Das ist tabuisiert!", sagte Koch. Allerdings nannte Koch die Thesen des Bundesbank-Vorstandsmitglieds Sarrazin "eine sehr rückwärtsgewandte, pessimistische Beschreibung der Zustände, ohne sich eigentlich ernsthaft mit den Optionen und Chancen zur Lösung zu beschäftigen".

In seinem neuen Buch Deutschland schafft sich ab warnt der wegen ähnlicher Äußerungen bereits umstrittene Sarrazin davor, dass die Deutschen zu "Fremden im eigenen Land" werden könnten.

Die Kritik an diesen Behauptungen ist groß. Die Türkische Gemeinde in Deutschland forderte nun ein klares Signal von Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Das ist die Krönung eines neuen intellektuellen Rassismus und es schadet Deutschlands Ansehen im Ausland", sagte Kenan Kolat, Chef der Türkischen Gemeinde, der Frankfurter Rundschau. "Ich fordere die Bundesregierung auf, ein Verfahren zur Absetzung von Thilo Sarrazin als Bundesbank-Vorstand einzuleiten."

Die niedersächsische Sozialministerin Aygül Özkan (CDU) warf Sarrazin vor, Migranten mit seinen umstrittenen Thesen zu verletzen und pauschal zu diskreditieren. Die CDU-Politikerin sagte: "Ich wünsche mir, dass Herr Sarrazin endlich stärker anerkennen würde, was auch die Zuwanderer für unser Land und den Wirtschaftsaufschwung geleistet haben." In der Bild am Sonntag kritisierte die erste türkischstämmige und muslimische Ministerin in Deutschland: "Es gibt unendlich viele fleißige Zuwanderer - diese verdienen Respekt, nicht Häme."

Auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), erhob schwere Vorwürfe gegen den ehemaligen Berliner Finanzsenator. Mit der Veröffentlichung seines Buches habe Sarrazin alle Grenzen überschritten. Böhmer warf dem SPD-Mitglied Sarrazin vor, in seinem Buch stets nur die halbe Wahrheit zu sagen. "Sarrazin zeichnet mit seiner pauschalen Polemik ein Zerrbild der Integration in Deutschland, das jeder ernstzunehmenden wissenschaftlichen Untersuchung nicht standhält", sagte sie der Bild am Sonntag.

Ungeachtet der heftigen Kritik an seinen Äußerungen hat Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin am Samstag nachgelegt. Der Welt am Sonntag sagte er, muslimische Migranten integrierten sich überall in Europa schlechter als andere Einwanderergruppen. Zudem sprach er davon, dass alle Juden ein bestimmtes Gen teilten.

Zahlreiche Politiker aller Parteien werfen Sarrazin vor, er schüre Vorurteile gegen Muslime. Die SPD hat ihm den Parteiaustritt nahegelegt. Der Berliner SPD-Landesvorsitzende Michael Müller hatte Sarrazin in einem Brief aufgefordert, die Partei zu verlassen. Sarrazin selbst lehnt einen Parteiaustritt aber weiterhin ab. Auf die Frage, warum er in der Partei bleiben werde, antwortete Sarrazin in der Welt am Sonntag, seine Vorschläge seien sozialdemokratisch.

Bei der Armutsbekämpfung entwerfe er ein Szenario, das den Arbeitslosen den Einstieg in die Arbeitswelt und sozialen Aufstieg ermöglichen solle. "Das ist sehr sozialdemokratisch", sagte er. Zudem wolle er alle fördern, und im Bildungsteil seines neuen Buches vertrete er ein rigides Programm, von dem niemand sagen könne, dass dies nicht sozialdemokratisch wäre, sagte er laut Vorabbericht.

Deutschland schafft sich ab soll an diesem Montag erscheinen. Für den gleichen Abend wird Sarrazin in der ARD-Talkreihe von Reinhold Beckmann (22.45 Uhr) erwartet - zusammen mit der niedersächsischen Sozialministerin Özkan.

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