Thilo Sarrazin Abgekämpft und ausgelutscht

Thilo Sarrazin geht es mehr ums Brandmarken als ums Integrieren. Doch der Streit über sein Buch entblößt Deutschlands Elite und ihren erschreckenden Mangel an Selbstbewusstsein. Ist es das Unbehagen, beim Thema Integration versagt zu haben?

Ein Kommentar von Detlef Esslinger

Es wird nicht mehr lange dauern, und Thilo Sarrazin darf sich überlegen, wohin er seinen Fuß noch setzen kann. Aus der Bundesbank, aus der SPD und aus Buchhandlungen soll er ausgeschlossen werden. Ein großer Teil der politischen und gesellschaftlichen Elite wünscht ihn wohl in die Sahara oder dorthin, woher die Sarazenen auch immer stammen, die seiner Familie einst den Namen gaben; SanktHelena wäre noch eine Alternative.

Es lohnt eine Betrachtung der Vokabeln, die gegen den Mann zum Einsatz kommen. "Vollkommen inakzeptabel", sagt die Kanzlerin; "untragbar", fügt ihre Integrationsbeauftragte hinzu. Die Bundesbank beklagt, dass sich ihr Noch-Vorstandsmitglied so "provokant" äußere - und ein Kulturveranstalter, der eine Lesung mit dem Autor absagt, findet nicht gut, dass er so "polemisch" sei.

Spätestens da wird die Debatte komisch. Viele derjenigen, die Wert auf ihre Distanz zu Sarrazin legen, verzichten darauf, zu argumentieren. Ihnen reicht es, ihr Igittigitt zu formulieren. Wenn zu alldem aber nun ausgerechnet aus dem Kulturbetrieb die Klage über zu viel Polemik kommt, ist das ungefähr so schlüssig, als wenn der Besucher eines Fußballspiels jammern würde, neun Tore in einer Bundesligapartie, so etwas wolle er künftig nicht mehr sehen.

Könnte es sein, dass im Verzicht auf Argumentation, im Rückzug auf Kampfvokabeln und in der Ausschließeritis etwas ganz anderes zum Ausdruck kommt: Mangel an Selbstbewusstsein, ein Unbehagen am langjährigen, gleichgültigen Umgang mit Einwanderern, den man nun aber auf keinen Fall zum Thema machen will?

Die Gründe für diesen Mangel haben durchaus eine sympathische Komponente. In anderen Ländern ist der Zuzug von Ausländern in weiten Teilen auf die Kolonialgeschichte zurückzuführen. In der Bundesrepublik sollte die Zuwanderung einerseits die Bedürfnisse der Volkswirtschaft decken.

Wer kümmert sich um Neukölln?

Andererseits hatten die Deutschen nach dem Krieg über Jahrzehnte hinweg das Bedürfnis, der Welt ihre Offenheit unter Beweis zu stellen. Diese Weltoffenheit haben viele Deutsche aber auch missverstanden. Sie dachten allzu lange, sie könnten den Migranten selbst überlassen, wie weit sie sich integrieren wollen oder lieber nicht. Daraus sind jene Missstände erwachsen, die Thilo Sarrazin nun zu Recht beschreibt, so wie etliche Autoren vor ihm.

Natürlich ist er selber schuld, dass nun bloß über ihn statt über sein Thema diskutiert wird. In solch einer Diktion schreibt jemand, dem es mehr ums Brandmarken als ums Integrieren geht. Und dann fügt er dem Geschriebenen noch mündlich den Stuss mit den "jüdischen Genen" hinzu. Die Elite nutzt daraufhin die Gelegenheit, ihr fehlendes Selbstbewusstsein zu kaschieren und fällt über einen Mann her, der sich angreifbar gemacht hat.

Bald wird alles gesagt sein und Sarrazin wieder vergessen werden. Und wer in der Politik übernimmt dann den Job, zu garantieren, dass in Neukölln alle Vierjährigen in den Kindergarten gehen?

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