Von Marius Meyer

Die Polizei kassiert im Rahmen einer Razzia Uni-Seminarlisten. Stehen nun alle Teilnehmer unter Terrorverdacht?

Der Morgen des 9. Mai in Hamburg, Berlin und anderen norddeutschen Bundesländern: 900 Beamte des Bundeskriminalamtes, der Landeskriminalämter und der verschiedenen Länderpolizeien führen Razzien in 40 Wohnungen und Büros durch. Koordiniert wird der Einsatz von 20 Staatsanwälten der Bundesanwaltschaft. Die Durchsuchungsbeschlüsse sind mit dem Paragraphen 129a des Strafgesetzbuches begründet: "Bildung einer terroristischen Vereinigung".

Anzeige

Bei Fritz S. klingeln die Fahnder gegen 8 Uhr. Sie behandeln den 68-Jährigen erkennungsdienstlich und beschlagnahmen mögliches Beweismaterial.

Der Focus bezeichnet S., der an der Universität Bremen als Lehrbeauftragter für das Fach Philosophie tätig ist, später als Schlüsselfigur der linken Szene in Hamburg und Berlin. Laut dem Magazin würden die Ermittlungsbehörden vermuten, dass er direkt mit der Planung von drei Brandanschlägen auf Häuser und Autos von Hamburger Industriellen zu tun gehabt habe. S., Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des globalisierungskritischen Netzwerkes Attac, bestreitet die Vorwürfe.

Bei der Wohnungsdurchsuchung werden auch Listen der Studenten, die in den vergangenen Jahren die Seminare des Verdächtigen besuchten, mitgenommen. Im laufenden Semester behandelt S. einmal pro Woche mit Philosophiestudenten das Thema "Neue Technologien, Menschenbild und Ethik vor dem Hintergrund der Liberalisierungs- und Globalisierungsoffensive".

Die Studenten fürchten nun, selbst in das Blickfeld der Ermittler zu geraten. Der Allgemeine Studierendenausschuss der Uni Bremen (Asta) geht davon aus, dass alle Seminarteilnehmer wegen der "Verbindung zu einem potentiellen Terroristen in den entsprechenden Datenbanken gespeichert werden."

Staatsanwalt Andreas Christeleit, stellvertretender Sprecher der Generalbundesanwältin, will mit Verweis auf das laufende Verfahren gegenüber sueddeutsche.de weder bestätigen noch dementieren, dass bei der Hausdurchsuchung Seminarlisten beschlagnahmt wurden. Er sagt auch nicht, ob die Bundesanwälte vermuten, dass Fritz S. unter seinen Studenten für Straftaten geworben hat. Zur Charakterisierung des Lehrbeauftragten als "Schlüsselfigur der linken Szene" äußert Christeleit sich ebenfalls nicht.

Er bezeichnet aber Befürchtungen, die Daten der Studenten könnten in die neue Anti-Terror-Datei aufgenommen werden, als abwegig. Falls in einem Ermittlungsverfahren Schriftstücke mitgenommen oder kopiert würden, würden diese als Asservate behandelt, unter dem Gesichtspunkt der Verfahrensrelevanz ausgewertet und nur aufbewahrt, solange sie für das Verfahren wichtig sind.

Die Studentenvertreter glauben dies nicht so ganz. Sie sehen die Seminarteilnehmer einem Generalverdacht ausgesetzt und fürchten, dass die Seminarteilnehmer mit einem Vermerk zum Paragraphen 129a in Datenbanken der Strafverfolgungsbehörden gespeichert werden. Deshalb fordern sie betroffene Kommilitonen auf, sich zu melden, damit gegebenenfalls eine anwaltliche Vertretung organisiert werden kann.

Dabei gibt es das Problem, dass niemand genau weiß, wer an den Veranstaltungen teilgenommen hat. Die Seminarlisten führen mindestens bis ins Jahr 2001 zurück. Viele der Studenten dürften ihr Studium bereits abgeschlossen haben, so dass die Hochschule über keine aktuellen Adressen mehr verfügt. Außerdem haben die Ermittler die Originallisten mitgenommen, Kopien gibt es nicht.

Mit dem Lehrbeauftragten zeigen sich die Asta-Mitglieder solidarisch. Das Vorgehen der Sicherheitsbehörden bezeichnen sie als "überzogen und wirklichkeitsfremd". Das an den Vorwürfen etwas dran ist, glaubt der Vorsitzende Martin Seibert nicht. Gegenüber sueddeutsche.de erklärt er: "Persönlich halte ich das für absoluten Nonsens." Es sei seltsam, dass die Behörden jemanden des Terrorismus beschuldigten, ihn aber nicht festnähmen und sogar weiter Uni-Seminare halten ließen. "Das verstärkt unseren Eindruck, dass die Vorwürfe konstruiert sind."

Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de)