Terrorverdacht in Chemnitz "Damit niemand sagt, alle Flüchtlinge seien Terroristen!"

Facebook-Gruppen junger Syrer gibt es in vielen deutschen Städten. Es geht um Wohnungen, Sprachkurse, Liebe zwischen den Kulturen oder den Krieg in Aleppo. Doch jetzt feiern die User ihre drei Landsleute, die den Terroristen al-Bakr festgesetzt haben.

Von Dunja Ramadan

Ob in Chemnitz, Köln oder Magdeburg, in nahezu jeder größeren Stadt in Deutschland gibt es auf Facebook Gruppen von syrischen Flüchtlingen. Einige sind geschlossene Gruppen, andere öffentlich zugänglich. In ihnen geht es ums Ankommen, aber auch um die Erinnerung an zu Hause. Manchmal werden Wohnungsangebote gepostet oder Tipps für den anstehenden Termin in der Ausländerbehörde, manchmal lustige Videos auf Arabisch, aber auch Bilder vom zerstörten Aleppo.

Und manchmal werden sogar mutmaßliche Verbrecher aus der eigenen Community aufgespürt, wie jetzt in Leipzig. Denn es waren Aufrufe und Fahndungsfotos in sozialen Netzwerken, die dazu führten, dass Syrer in der sächsischen Stadt ihren terrorverdächtigen Landsmann Dschaber al-Bakr erkannten - und dann festsetzten.

Die Gruppe "German Lifestyle GLS" hat auf Facebook fast 90 000 Mitglieder und wird von zwei syrischen Bloggern betrieben: Allaa Faham, 19, und Abdul Abbasi, 22. Sie sind als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen und drehen Videos auf Deutsch und Arabisch und sprechen über Themen wie Liebe zwischen den Kulturen, Wohnungssuche oder Sprachkurse. Und sie entschieden sich, die Fahndungsfotos von Dschaber al-Bakr zu posten.

Der Süddeutschen Zeitung sagte Allaa Faham: "Es ist unsere Aufgabe, so einen Aufruf zu teilen, wir erreichen viele Flüchtlinge in unserer Gruppe. Dieses Land hat so viel für uns getan. Wir selbst sind vor Terror geflohen und werden alles tun, damit Terror hier keinen Platz hat." Ob die Syrer in Leipzig, die al-Bakr überwältigten, durch den Aufruf auf ihrer Facebook-Seite auf den Verdächtigen aufmerksam wurden oder durch den einer anderen Gruppe, weiß Faham nicht.

Screenshot aus der Facebook-Gruppe "German LifeStyle GS"

(Foto: Screenshot SZ)

In ihrer Gruppe "German Lifestyle GS" riefen Faham und Abbasi jedenfalls dazu auf, den Fahndungsaufruf der Polizei zu "teilen, teilen, teilen". Und sie begründeten auf Arabisch, warum sie selbst diesen veröffentlichten: "Wir sind gegen ein Pauschalurteil über Flüchtlinge (...) denn wir sind nicht alle Terroristen (...)." Zudem sehen sie sich dem Land, das sie aufgenommen hat - also Deutschland - verpflichtet: "Wir werden jedem Landsmann den Kampf ansagen, der diesem Volk etwas Böses antun will, dass uns sehr, sehr viel gegeben hat."

Viele Flüchtlinge reagieren sehr emotional auf die Tatsache, dass ausgerechnet ein Syrer wegen Terrorverdachts gesucht wird. Sie sorgen sich, dass dadurch alle Flüchtlinge diskreditiert werden. Einige sind wütend auf den Gesuchten, wie Einträge in der Gruppe "German Lifestyle GS" zeigen. Ein Nutzer schreibt: "Hoffentlich werde ich ihn nicht finden, denn dann wird die Polizei ihn nicht mehr unversehrt bekommen." Ein anderer äußert sich knapp: "Ab mit ihm direkt in die Hölle!"

Freude über syrische Helfer

Als bekannt wird, dass es Syrer waren, die den Tatverdächtigen an die Polizei auslieferten, ist die Freude bei den meisten Flüchtlingen in den syrischen Facebook-Communities groß.

In der Facebook-Gruppe "Syrische Gemeinde in Deutschland", die mehr als 195 000 Likes hat, posten die Administratoren das Foto des gefesselten al-Bakr. In Shorts sitzt er auf einem Sofa, seine Füße sind mit einem Kabel gefesselt, hinter ihm hält ihn jemand im Schwitzkasten, Blut klebt an seinen Mundwinkeln. Über dem Beitrag steht: "Ein Syrer hat den Terroristen Dschaber al-Bakr festgenommen. Und das Beste dabei ist: Sie haben ihn mit einem Stromkabel gefesselt. (...) Ihr habt uns stolz gemacht, ihr Syrer!"

Ein Nutzer schreibt: "Allahu Akbar, Gott ist groß. Damit niemand sagt, alle Flüchtlinge seien Terroristen!"

Aber es gibt auch skeptische Stimmen. Einige glauben nicht, dass ein IS-Sympathisant so unvorbereitet zu jemandem nach Hause stolpert. "Wenn er sich mit Sprengstoff auskennt, wieso hat er dann nichts, mit dem er sich verteidigen kann, wenn ihn jemand überwältigt?", lautet ein Kommentar. Ein anderer User schreibt: "Wie kann es sein, dass ein ganzes Land nach einem möglichen Terroristen sucht und er am Ende irgendwelche Syrer anspricht und sie fragt, ob er bei ihnen übernachten darf und sie ihm die Haare schneiden?"

Doch die freudigen Kommentare überwiegen eindeutig. Bei manchen sorgt ein Detail auf dem Foto, das den festgesetzten al-Bakr zeigt, sogar für leichten Spott. So lautet ein Kommentar: "Die Gestalten von Daesh (die Terromiliz Islamischer Staat; Anm. d. Red.) tragen doch keine Shorts."

Al-Bakr war dieses Jahr offenbar monatelang in der Türkei

Ob der Terrorverdächtige auch nach Syrien gereist ist, ist bislang unklar. Einer der drei Syrer, die ihn in Leipzig überwältigt haben, erzählt, wie al-Bakr versuchte, sie zu bestechen. mehr ...