Terrorserie von Toulouse Angst vor den "einsamen Wölfen"

Warum diese Morde? Warum haben Polizei und Geheimdienste Mohamed Merah nicht stoppen können - obwohl er vorbestraft war und beobachtet wurde? Eine al-Qaida-nahe Organisation bekennt sich, aber vieles spricht dafür, dass der Todesschütze alleine gehandelt hat. Der Terrorist von Toulouse könnte für ein neues Problem stehen: den terroristischen Einzeller.

Von Stefan Ulrich, Paris

Sieben tote Opfer, ein toter Täter, mehrere Verletzte und eine verwundete Nation, das ist die Bilanz der mörderischen Tage des Mohamed Merah. Nicht nur in Frankreich fragen sich viele, wieso Polizei und Geheimdienste diesen jungen Mann nicht hindern konnten, Unheil anzurichten. Er war den Diensten als vorbestrafter Gewalttäter und womöglich zu allem bereiter Pakistan- und Afghanistan-Rückkehrer bekannt. Er wurde beobachtet, auch vernommen. Warum dann diese Morde? Der französische Außenminister Alain Juppé sagte am Donnerstag: "Ich verstehe, dass man sich die Frage stellen kann, ob es eine Schwachstelle gab oder nicht." Das sei nun zu klären. Die Sicherheitsbehörden werden Rechenschaft ablegen müssen.

Sie können sich damit verteidigen, dass es seit 1995 keine islamistischen Anschläge auf französischem Boden mehr gab. Während Staaten wie die USA, Spanien und Großbritannien von massenmörderischen Attentätern heimgesucht wurden, blieb Frankreich bislang verschont, obwohl es sehr aktiv im Nahen Osten ist und seine Truppen mit den Nato-Verbündeten in Afghanistan stehen. Die französischen Dienste dürften folglich durchaus effektiv gearbeitet haben. Womöglich wurden sie nun in Toulouse sogar Opfer ihrer eigenen Erfolge.

Experten wie der Islam-Spezialist Gilles Kepel oder der Soziologe Farhad Khosrokhavar sagen, das Al-Qaida-Terrornetz sei heute sehr geschwächt. Der Führer Osama bin Laden ist tot, die Ausbildungslager im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet werden von amerikanischen Drohnen beschossen, die Geheimdienste arbeiten international eng zusammen und haben viele Extremisten-Gruppen zerschlagen. Khosrokhavar glaubt daher, dass es in Frankreich allenfalls noch ein paar kaum mehr aktionsfähige Restgrüppchen von al-Qaida gebe.

Auf den ersten Blick scheint dieser Befund kaum zur öffentlichen Diskussion im Land zu passen. Seit Jahren wird von den rechten Parteien, aber auch von Linken wie dem kommunistischen Abgeordneten André Gerin vor einer gefährlichen Islamisierung gewarnt. Hitzig wird über die Burka und das Halal-Fleisch diskutiert. In ghettoartigen Trabantenstädten mit einem hohen Anteil junger, arbeitsloser Muslime breite sich der militante Islam unaufhaltsam aus, warnen Politiker wie Gerin, der als langjähriger Bürgermeister der Lyoner Vorstadt Vénissieux praktische Erfahrung hat. Mohamed Merah mag da wie ein fast schon typisches Produkt dieser Entwicklung erscheinen. Doch das ist falsch.

Richtig ist, dass sich manche junge französische Muslime von einer besonders radikalen Auslegung des Islam angezogen fühlen, mit der sie im Internet, im Gefängnis oder in einigen von fundamentalistischen Imamen beherrschten Moscheen in Berührung kommen.

Ein perspektivloser, vorbestrafter Jugendlicher wie Merah mag diesen Ultra-Islam attraktiv finden. Er verheißt ihm einen Lebenssinn, die Anerkennung als besonders gläubig, eine konspirative Ersatzfamilie und einen klaren Gegner: die angeblich verkommene westliche Gesellschaft, die junge Muslime ausgrenze. Trotz solcher Verführungen bleiben die Radikalen in Frankreich eine kleine Minderheit.

Etwa fünf Millionen Bürger im Land bekennen sich zum Islam. Der Soziologe Samir Amghar sagt unter Berufung auf die Geheimdienste, von ihnen gehörten lediglich 12.000 bis 15.000 den Salafisten an.

So werden Muslime genannt, die ihr Leben an der Frühzeit des Islam orientieren, den Koran wortwörtlich nehmen und sich besonders strengen Regeln unterwerfen. 99,9 Prozent der Salafisten in Frankreich seien gewaltfrei, meint der Islamismus-Forscher Dominique Thomas. Allerdings versuchen Salafisten häufig, moderaten Muslimen ihre Lebensweise aufzunötigen. Die Zahl derer, die wie Mohamed Merah zu terroristischer Gewalt bereit sind und sich als "Dschihadisten" im "Heiligen Krieg" sehen, ist gering.

Der Kriminologe Alain Bauer schätzt, dass seit Ausbruch des Afghanistan-Konflikts etwa tausend junge Männer aus Frankreich in den Kampf nach Afghanistan gezogen und wieder zurückgekehrt sind. Die meisten von ihnen seien heute nicht mehr militant. Die Anti-Terror-Behörden glauben, vor einem halben Jahr hätten sich noch zwei bis drei Dutzend Franzosen in pakistanischen Ausbildungslagern im Grenzgebiet zu Afghanistan befunden. Heute hielten sich kaum mehr welche dort auf.

Verdächtige Rückkehrer vom Hindukusch werden in Frankreich überwacht. Der Inlandsgeheimdienst "verfolgt viele Personen, die im islamistischen Radikalismus engagiert sind", sagt Innenminister Claude Guéant. Die Sicherheitskräfte weisen jedoch darauf hin, es sei ihnen schon personell nicht möglich, die Betroffenen rund um die Uhr zu observieren. Hinzu kommen die Beschränkungen eines Rechtsstaats. Telefone dürfen nur nach richterlicher Anordnung abgehört werden. Eine Reise nach Afghanistan oder eine radikale Gesinnung allein reichen nicht aus, um gegen Islamisten strafrechtlich vorzugehen.

Noch ist unklar, ob Mohamed Merah Helfer hatte; die Staatsanwaltschaft ermittelt nach dem Bekenntnis einer Al-Qaida-nahen Organisation in alle Richtung. Sollte Merah aber, wie derzeit vermutet, alleine gehandelt haben, steht er für ein neues Problem, das sich den Sicherheitsbehörden stellt. Weil organisierte Gruppen zerschlagen sind, werden manche Islamisten zu terroristischen Einzellern. "Verlorene Soldaten" oder "einsame Wölfe" werden sie genannt. Sie bekennen sich zum Geist Bin Ladens, schlagen aber auf eigene Faust los. Sie treffen sich nicht mit Mittätern, hinterlassen kaum Spuren im Internet und Telefonverkehr. Das macht es für Polizei und Geheimdienste so schwierig, sie zu stoppen. Verteidigungsminister Gérard Longuet meinte auf die Frage, ob man die Morde von Toulouse hätte verhindern können: "Ich glaube nicht - außer wir verwandeln Frankreich in einen Polizeistaat."

Viele französische Muslime fürchten, ihre Glaubensgemeinschaft könnte wegen Merahs Taten in die Mühlen des Wahlkampfs geraten. "Wir wissen, dass die öffentliche Meinung gern verallgemeinert, das haben wir bei den Ereignissen des 11. September gesehen", sagt Anouar Kbibech, Präsident einer französischen Muslimen-Vereinigung. Er fordert jedoch, die Muslime selbst sollten sich fragen, wie sie einem Abdriften in den Extremismus vorbeugen können: "Die Imame müssen die Jungen aufklären."