Terrorismus-Studie Die bittere Statistik des Dschihadismus

Die meisten Opfer des dschihadistischen Terrors sind Muslime, wie hier ein Mädchen in Bagdad. Wenngleich die Enthauptungen westlicher Geiseln mehr Aufmerksamkeit erregen.

(Foto: REUTERS)
  • Eine Studie der BBC und des International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence ergibt, dass im November 5043 Menschen in 15 Ländern von dschihadistischen Gruppen getötet wurden.
  • Es wurden Quellen ausgewertet, die nur in der jeweiligen Landessprache verfügbar sind.
  • Irak und Syrien haben Afghanistan und Pakistan als Schlachtfelder der Terroristen abgelöst.
  • Die überwiegende Mehrheit der Opfer sind Muslime.
Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Es ist nur eine Momentaufnahme, aber sie fasst die Dimension des Mordens in Zahlen: Mindestens 5043 Menschen in 15 Ländern sind allein im Monat November 665 Angriffen dschihadistischer Bewegungen zum Opfer gefallen - mehr als die Hälfte von ihnen Zivilisten. Das hat eine Studie ergeben, die das in London ansässige, unabhängige International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence (ICSR) zusammen mit dem BBC World Service und dem Monitoring Service des Senders erstellt hat.

Diese Kooperation ermöglichte es, Quellen auszuwerten, die nur in der jeweiligen Landessprache verfügbar sind und so ein genaueres Bild vom Ausmaß der Gewalt zu erhalten. Derzeit sterben pro Tag durchschnittlich dreimal so viele Menschen nach Dschihadisten-Attacken wie bei den Anschlägen auf die Londoner U-Bahn im Juli 2005 mit 56 Toten.

Hatte vor vier Jahren die US-Regierung dem Terrornetzwerk al-Qaida noch die bevorstehende "strategische Niederlage" prophezeit, nutzt inzwischen eine Vielzahl von militanten Gruppen die Instabilität nach dem arabischen Frühling und in Teilen von Afrika aus, um mit terroristischen und zunehmend auch paramilitärischen Methoden für ihre Ideologie des globalen Dschihadismus zu kämpfen. Sie ist gemäß der ICSR-Studie gekennzeichnet durch die Bereitschaft zu Ausübung extremer Gewalt gegen als "ungläubig" verunglimpfte Gegner und die als Salafismus bekannte ultra-fundamentalistische Auslegung des Islam.

In der Studie erfasst sind auch Opfer der pakistanischen und afghanischen Taliban, die einer vergleichbaren Glaubensinterpretation anhängen, nicht aber jene der Hisbollah oder anderer schiitischer Milizen und auch nicht jene der Hamas.

Afghanistan und Pakistan wurden von Syrien und dem Irak abgelöst

Fast die Hälfte aller Toten war im Irak und in Syrien zu beklagen, wofür maßgeblich die Terrormiliz Islamischer Staat verantwortlich ist, aber auch die Kämpfer der al-Qaida nahestehenden Nusra-Front. Die Region hat Afghanistan und Pakistan als wichtigstes Schlachtfeld der Islamisten inzwischen abgelöst. Damit einhergehend stellt der Aufstieg der IS-Miliz die einst unangefochtene Führungsrolle von al-Qaida zunehmend infrage.

Erschreckend ist das Ausmaß der Gewalt aber auch in Nigeria, wo Boko Haram bei 27 Attacken fast 800 Menschen tötete. In Afghanistan verübten die Taliban 150 Angriffe mit mehr als 700 Toten. In Jemen, auf Platz fünf der traurigen Statistik, kamen 410 Menschen ums Leben, die Attacken dort gehen überwiegend auf das Konto von al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel, der nach wie vor aktivsten und gefährlichsten Filiale des Terrornetzwerks.

Auch in Somalia und Pakistan fielen in dem untersuchten Monat jeweils mehr als 200 Menschen dschihadistischen Gruppen zum Opfer, in Kenia und den Philippinen waren es je 50. Der enge Untersuchungszeitraum erlaubt es aber nicht, diese Rangliste zu generalisieren - im Oktober etwa hatte Ansar Beit al-Maqdis in Ägypten bei zwei Attacken 31 Soldaten und Polizisten ermordet; im November konnten der Gruppe nach den Kriterien der Studie zwei Angriffe mit fünf Toten zugerechnet werden.

Sie agieren wie paramilitärische Verbände

Dennoch lassen sich Trends aus den Daten destillieren. "Allein mit dem Begriff des Terrorismus lassen sich die Aktionen, Ziele und Strategien der Dschihadisten nicht mehr ausreichend beschreiben", sagt Peter Neumann vom ICSR, der Autor der Studie, die der Süddeutschen Zeitung vorab vorlag. Zwar hätten diese sich entgegen der verbreiteten Wahrnehmung nie allein auf Selbstmordattentate beschränkt, doch würden einige Gruppen inzwischen wie paramilitärische Verbände agieren und gegen staatliche Armeen kämpfen - vor allem die IS-Milizen und die Taliban.

Das spiegelt sich auch in der Art der Angriffe wider, die in der Studie ebenfalls untersucht wurde. Nur etwas mehr als ein Drittel der 665 Attacken waren Bombenanschläge, wobei alleine 38 Selbstmordattentate 650 Menschen das Leben kosteten. Aber auch in 64 Hinterhalten und bei 204 Angriffen mit Schusswaffen wurden mehr als 2200 Menschen ermordet. Die bei weitem meisten Opfer der Islamisten sind Muslime, auch wenn die meiste Aufmerksamkeit der Enthauptung westlicher Geiseln zuteil wird.