Von Annette Ramelsberger

Das Schlimmste, was der Terror bewirken könnte, wäre die Rückkehr einer bleiernen Zeit, in der jeder türkische Gemüsehändler ein potentieller Terrorist ist. Nur das Zusammenstehen von westlicher Mehrheitsgesellschaft und Muslimen hilft gegen die Bedrohung.

Terroristen sind immer einen Schritt voraus. Immer bestimmen die Täter das Tempo, den Ort und die Zeit ihrer Tat - den Anschlag auf New York genauso wie die Entführung der Urlaubermaschine "Landshut". Nie könnten die Sicherheitsbehörden ihrer Herr werden, höhnte vor Jahren auch die irische Untergrundorganisation IRA: "Vergessen Sie nicht, dass wir nur einmal Glück zu haben brauchen - und Sie werden immer Glück haben müssen."

Türkische Friedensdemonstrantin in Deutschland

Für Deutschland, für die Türkei, für Europa - für den Frieden. Demonstranten in Köln. (© Foto: dpa)

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Der Satz beschreibt in zynischer Präzision die Aufgabe, in Zeiten des internationalen Terrorismus Anschläge zu verhindern. Sie ist unlösbar.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Behörden "immer Glück haben", ist gering, zumal Deutschland seine Ration an Glück schon ziemlich ausgeschöpft hat. Sechs Mal ist es gelungen, geplante Attentate zu verhindern. Beim letzten Mal war es nicht einmal das Glück des Tüchtigen, sondern nur ein handwerklicher Fehler der Täter, der die beiden Kofferbomben von Köln nicht explodieren ließ.

Lange haben sich die Deutschen sicher gefühlt. Hatten sie sich nicht mannhaft gegen die Teilnahme am Irak-Feldzug gewehrt? Hatten die Deutschen in Afghanistan etwa Mohnfelder abgebrannt wie die Briten oder Bomben geworfen wie die USA? Nein, die Deutschen hatten sich um den Aufbau der Polizei gekümmert und Straßen gebaut. So etwas müsste doch auch eine Sicherheitsdividende abwerfen, war die stille Hoffnung.

Kollektiver Selbstbetrug

Die deutsche Öffentlichkeit ist damit einem kollektiven Selbstbetrug aufgesessen. Nun fleht eine deutsche Geisel im Irak die Kanzlerin an, die Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Gleichzeitig taucht im Internet eine Botschaft an die Regierung auf, die subtil gegen den Einsatz am Hindukusch argumentiert. Und in Afghanistan wird ein deutscher Helfer der Welthungerhilfe ermordet - die Täter lassen die afghanischen Zeugen leben, damit sie davon berichten können.

Das alles muss nicht zusammenhängen, aber es zeigt einen Grundakkord: Deutschland wird in die Zange genommen, mit allen Mitteln des terroristischen Handwerks.

Die entscheidende Frage ist nun nicht, wann ein Anschlag erfolgt, sondern die, wie ein Land auf solche Gefahr reagiert. Ob es wie die USA Befragungsmethoden für Verdächtige einführt, die sich von Folter nicht mehr unterscheiden. Ob es vor jede Bushaltestelle einen Soldaten stellt wie Israel. Ob es seine öffentlichen Plätze räumt und keine Feste mehr feiert, aus Angst, es könnte etwas passieren.

Von der Wachsamkeit zum Denunziantentum

Solcherlei Hysterie ist in Deutschland nirgendwo zu entdecken. Die U-Bahnen sind voll, die Fanmeilen auch. Wenn die Sicherheitsbeauftragten der Universitäten anregen, radikal-islamische Studenten zu melden, kommt sofort der Vorwurf der Bespitzelung. Und es ist ja auch nur ein kleiner Schritt von der Wachsamkeit hin zum Denunziantentum.

Aber gerade hier könnte der Schlüssel liegen - nicht nur für die Sicherheit, auch für das gedeihliche Zusammenleben. Es geht um Solidarität zwischen westlicher Mehrheitsgesellschaft und den in ihr lebenden Muslimen, die in ihrer großen Mehrheit Terror im Namen des Glaubens ablehnen.

Doch noch immer sehen viele von ihnen in den Radikalen, die in Hinterzimmern oder im Internet zum Heiligen Krieg aufrufen, eher den Glaubensbruder als den Verbrecher. Immer noch gibt es Imame, die ihren Leuten empfehlen, lieber zu schweigen als der Polizei zu helfen. Dass zwischen den unterschiedlichen Bürgern dieses Landes die Solidarität wächst, ist die wichtigste Sicherheitsaufgabe, viel wichtiger als die Hochrüstung der Gesellschaft.

Das Schlimmste, was der Terror bewirken könnte, wäre die Rückkehr einer bleiernen Zeit, in der jeder türkische Gemüsehändler ein potentieller Terrorist ist. Das Beste aber, was die Gefahr bewirken könnte, wäre ein Zusammenstehen von Deutschen und Einwanderern - gegen eine Gefahr, die das bedroht, was beide in Deutschland so schätzen: dass hier jeder nach seiner Façon selig werden darf.

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