Von Thomas Speckmann

Wie Osama bin Laden seine Erfahrungen aus den USA nutzte - und einem Land den Krieg erklärte, an dem seine Familie im wörtlichen Sinn Anteil hatte.

Eine größere Ironie der Geschichte kann es wohl kaum geben: Osama bin Laden hasst die Amerikaner nicht zuletzt deshalb, weil sie ihm während seines Kampfes gegen die Russen in Afghanistan keine Stinger-Flugabwehrraketen verkaufen wollten.

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Sein Name ist das Gesicht des islamistischen Terrors: Osama bin Laden (© Foto: AP)

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1984 war der Sohn einer märchenhaft reichen saudischen Familie zum ersten Mal nach Afghanistan gereist - als Tourist, nicht als Terrorist. Er wurde Zeuge von Kämpfen in der Nähe eines Lagers arabischer Freiwilliger. Erstmals in seinem Leben spürte er die Erschütterungen von Granaten.

Nach der Schilderung von Steve Coll fühlte sich bin Laden schuldig, weil er für die Sache, der er sich verschrieben hatte, erst spät ein körperliches Risiko eingegangen war. Einem syrischen Journalisten vertraute er dies an. Er habe auf seine Freunde und Lieben gehört und sei aus Sicherheitsgründen zu Hause geblieben. "Ich glaube, dass diese vierjährige Verspätung mich verpflichtet, im Namen Gottes selbst ein Märtyrer zu werden."

Dies sollte er in den kommenden Jahren immer wieder behaupten, während er es zugleich hartnäckig vermied, seine Worte in die Tat umzusetzen. Aber bin Laden wurde auch nicht als Märtyrer gebraucht.

Wegen seiner Fähigkeiten, Spendengelder für den afghanischen Widerstand gegen die russische Besatzung aufzutreiben, war sein Leben viel zu kostbar - im wahrsten Sinne des Wortes.

Dieses Leben, das gänzlich anders verlief als das seiner 24 Brüder und 29 Schwestern, schildert Steve Coll in einem brillanten und eindrucksvollen Porträt der Familie bin Laden. Der zweifache Pulitzer-Preisträger spiegelt ihre Geschichte im unruhigen, von Gier und Geheimhaltung geprägten und letztlich für beide Seiten enttäuschenden Bündnis zwischen Saudi-Arabien und den USA.

US-Präsidenten als Freunde

Denn bis zu dem Moment, in dem Osama sich selbst zum internationalen Terrorismus bekannte, hatte sich seine Familie geschäftlich sehr viel stärker in Amerika engagiert, als allgemein bekannt war. Seine Geschwister besaßen dort Einkaufszentren, Mietshäuser, Eigentumswohnanlagen, luxuriöse Landsitze, privatisierte Gefängnisse, einen Flughafen und Aktien. Sie besuchten US-Universitäten, pflegten Freundschaften und Geschäftsbeziehungen zu Amerikanern und bemühten sich um amerikanische Pässe für ihre Kinder.

Coll erzählt über Hunderte Seiten von diesem Leben der bin Ladens. Wie sie Hollywoodfilme finanzierten, gemeinsam mit dem Countrysänger Kenny Rogers mit Vollblutpferden handelten und mit Donald Trump Immobiliengeschäfte machten. Wie sie George Bush sen., Jimmy Carter und Prinz Charles als Freunde betrachteten. Wie sie im wörtlichen wie auch im kulturellen Sinn einen eindrucksvollen Anteil des Amerika besaßen, dem Osama den Krieg erklärte.

Diesen Krieg begann er schon lange vor dem 11. September. Und Osama führte ihn mit Mitteln und Methoden, die er in der Welt kennengelernt hatte, die er nun zerstören wollte. So waren unter den ersten vier Komitees, die er für seinen Feldzug gegen die Russen in Afghanistan ins Leben rief, eines für Medienaktionen und eines für Bildung. Osama hatte in den Büros der bin Ladens gearbeitet, wo es Hochglanzbroschüren gab und Werbe- und Marketingspezialisten tätig waren.

Seine Arbeit für das saudische Königshaus und die Religionsführer in Medina und Mekka hatte ihn gelehrt, dass ein Projekt nur erfolgreich sein konnte, wenn die Geldgeber es als erfolgreich wahrnahmen. Dafür waren Werbung und Marketing verantwortlich. Diesen Geschäftssinn brachte er schon Jahre vor der Gründung von al-Qaida in seine frühesten Projekte in der pakistanisch-afghanischen Grenzstadt Peschawar ein.

Überschneidende Einsatzgebiete

Hier beteiligte sich Osama am internationalen Waffenhandel, da er sich entschlossen hatte, seine eigene Miliz zu schaffen. Seine eigentliche Berufung fand er aber, wie zuvor in seinem "zivilen" Leben, als Bauunternehmer: Mit Material und Ausrüstung seiner Familie baute er 1986 Straßen in Richtung Tora Bora, wo es viele Höhlen gab, die sich gut befestigen und verteidigen ließen. Dadurch sollte Osama 2001 die Flucht vor den Amerikanern nach Pakistan gelingen.

Steve Coll und sein Rechercheteam haben zwar keine Beweise gefunden, die nahelegen, dass Osama sich jemals mit einem amerikanischen Geheimdienstmitarbeiter getroffen hat. Fakt ist aber: Ihre Operationen an der pakistanischen Grenze überschnitten sich.

Über Islamabads Geheimdienst versorgte die CIA afghanische Anführer mit Baumaterialien für die Höhlen und Lagerstätten, die um 1986 im Grenzgebiet entstanden. Osamas Bauarbeiten mit der Ausrüstung der bin Ladens brachten diese Projekte ebenfalls voran. Unfreiwillige Bündnisse - eben die Ironie der Geschichte.

STEVE COLL: Die Bin Ladens. Eine arabische Familie. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008. 736 S., 24,95 Euro.

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(SZ vom 2.6.2008/odg)