Terrorismus Die Mordwaffen des NSU

Česká 83 mit Schalldämpfer - und dem Rest einer geschmolzenen Tüte.

(Foto: Franziska Kraufmann/dpa)

Im Prozess gegen Beate-Zschäpe kommt das gesamte Arsenal des NSU auf den Tisch. Dabei ist auch eine Pistole, mit der die Rechtsextremen neun Mal gemordet haben sollen.

Aus dem Gericht von Annette Ramelsberger

Auf dem Richtertisch liegt eine Pistole. Groß, dunkel, der Lauf glänzt. Ein Bändchen baumelt am Abzug. Nur zwei Meter von der Angeklagten Beate Zschäpe entfernt. Keiner beachtet die Waffe, sie liegt einfach dort. Und niemand weiß, ob sie geladen ist. Wieder mal ist Pause im NSU-Prozess.

Richter Manfred Götzl will die Waffen der Terrorzelle NSU, die im Brandschutt ihrer Wohnung und in ihrem ausgebrannten Wohnmobil gefunden wurden, mit intakten, baugleichen Waffen des Bundeskriminalamts vergleichen. Büchsenmachermeister Eberhard Opitz vom Bundeskriminalamt (BKA) hat die erste Waffe auf den Tisch gelegt, eine dunkle Radom Viz 35.

Doch das Vergleichsstück aus dem Brandschutt fehlt. Es dauert eine Stunde, bis die angesengten, zum Teil verglühten Waffen des NSU aus der Asservatenkammer herbeigeschafft werden. 20 Stück, zwei Maschinenpistolen, eine Flinte, drei Gaspistolen, zwei davon umgebaut zu scharfen Waffen, der Rest sind Pistolen und Revolver. Zum ersten Mal sieht man das ganze Waffenarsenal des NSU im Saal. Und zum ersten Mal liegt jetzt die Tatwaffe für neun der zehn NSU-Morde, die Česká 83, direkt vor Richter Götzl.

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Geschmolzener Kunststoff

Eine halbautomatische Waffe sei die Česká 83, sagt der Gutachter, mit Kaliber 7,65 Browning. Opitz dreht die Waffe, so dass der Richter die Beschädigungen sehen kann. "Durch Wärme ist sie im Bereich der Griffschalen stark angegriffen, hier aufgewellt, auf der anderen Seite angeschmolzen", sagt er. Sie wurde im Brandschutt der Frühlingsstraße 26 in Zwickau gefunden, wo der NSU wohnte. Deformiert ist sie, aber die Waffe funktioniert. "Können Sie das abschrauben?", fragt ein Anwalt. Und Opitz schraubt den Schalldämpfer ab. Man sieht das Gewinde am Lauf der Pistole. Die Bilder, die man von der Česká kennt, sehen anders aus.

Eine Art Fahne aus geschmolzenem Kunststoff wölbt sich da vom Lauf nach oben weg. Eine geschmolzene Einkaufstüte aus Plastik, sagt Opitz. Die wurde entfernt, die Waffe ein wenig gesäubert und dann beim BKA damit geschossen - um zu vergleichen, ob es sich bei ihr um die Tatwaffe für neun Morde an Migranten handelt. Auch all die anderen Waffen werden vorgelegt. Auf ein Dutzend hatte Beate Zschäpe in ihrer Erklärung die Zahl der Waffen geschätzt, die ihre Männer hatten. Es waren deutlich mehr. Der Richter scheint kein Waffenfreund zu sein. "Dann räumen wir das bitte wieder auf die Seite", sagt er nach der letzten Waffe.

Zschäpe schweigt weiter zu Fragen

Auch an diesem Tag hat Beate Zschäpe die 39 Fragen, die der Richter ihr schon vor Wochen gestellt hat, nicht beantwortet. Und das wird wohl auch in absehbarer Zeit so bleiben. Er habe nicht so viel Gelegenheit, sich mit der Mandantin zu treffen, sagte ihr Wahlverteidiger Hermann Borchert der SZ. Sie sitze drei Tage die Woche im Prozess, und er habe auch andere Verfahren. Er sehe Zschäpe kaum, und allein mit ihrem Pflichtverteidiger Mathias Grasel an der Seite wolle sie die Fragen nicht beantworten. "Wir bemühen uns, dass wir es vor Ostern hinkriegen", sagte Borchert. Das sind noch gut vier Wochen oder zehn Verhandlungstage.

Es scheint sich auch ein Machtkampf zwischen Borchert und Götzl anzubahnen. Götzl stellt seine Fragen gern dann, wenn nur Grasel im Gericht ist. Borchert betont: "Wir beantworten die Fragen dann, wenn ich Zeit habe." Und fügt hinzu: "Ich habe Zeit." Anders als das Gericht, das nun endlich vorankommen will.

Zumindest ging es am Mittwoch weiter. Der Befangenheitsantrag von Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben gegen das Gericht wurde zurückgewiesen. Die Richter hatten in einem Beschluss von "Straftaten" gesprochen, nicht von "angeklagten Straftaten". Daraus hatte die Verteidigung geschlossen, das Gericht habe sich seine Meinung bereits gebildet.

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