Terrorismus Wollte dieser Mann ein Massaker in Berlin anrichten?

Der am Donnerstag festgenommene Algerier Farid A.

(Foto: AFP)

Vor allem wegen der Fotos des Verdächtigen nehmen die Behörden den Terrorverdacht in Berlin sehr ernst. Sie sind sicher: Der IS nutzt die Balkanroute zum Einschleusen von Kämpfern.

Von Georg Mascolo

Bis zum Herbst des vergangenen Jahres schien der Flüchtlingsstrom vor allem eine Herausforderung zu sein. Aber keine Bedrohung. Akribisch hatten Bundesnachrichtendienst, Verfassungsschutz und Polizei die vielen eingehenden Hinweise abgearbeitet, dass sich Terroristen unter den Schutzsuchenden verbergen könnten.

Experten des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) berichteten vor Abgeordneten des Bundestags, man sei allen Spuren nachgegangen, aber keine einzige von ihnen habe sich bestätigen lassen. Man könne zwar für die Zukunft keine Szenarien ausschließen, aber bisher gebe es keinerlei Beleg für die damals schon dutzendfach verbreitete These, dass sich Terroristen unter die Flüchtlinge mischen würden.

Das Bundeskriminalamt (BKA) schrieb in einer internen Lagebewertung, es lägen "unverändert keine Erkenntnisse auf ein gezieltes Einschleusen von Kämpfern beziehungsweise Angehörigen terroristischer Organisationen im Flüchtlingsstrom nach Deutschland mit dem Ziel der Begehung von Anschlägen" vor. Das Papier referiert den Stand vom 12. November 2015. Einen Tag später veränderte sich die Lage.

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Am Freitag, den 13., schickte der sogenannte Islamische Staat ein Killer-Kommando auf die Straßen von Paris. Die von den toten Terroristen genommenen Fingerabdrücke bewiesen: Zwei Selbstmordattentäter, die sich während des Länderspiels Frankreich gegen Deutschland vor dem Stade de France in die Luft gesprengt hatten, waren zuvor auf der griechischen Insel Leros als syrische Flüchtlinge registriert worden.

Killer-Kommando auf den Straßen von Paris

Seither sind mindestens weitere drei Fälle hinzugekommen: Der Selbstmordattentäter, der am 12. Januar in Istanbul eine Gruppe Touristen angriff und dabei auch elf Deutsche tötete, war nach Angaben der dortigen Behörden als Flüchtling aus Syrien gekommen. In Österreich hatte die Polizei in einer Flüchtlingsunterkunft in Salzburg nur Wochen zuvor zwei Verdächtige verhaftet. Und am vergangenen Donnerstag wurde eine Gruppe Algerier festgenommen - sie sollen über mögliche Anschläge in Berlin diskutiert haben.

Der Berliner Fall gilt vor allem wegen der Fotos als außerordentlich ernst, die den Behörden inzwischen vorliegen: Eins zeigt den in einem Flüchtlingsheim in Attendorn im Sauerland festgenommenen 34-jährigen Farid A. in voller Kampfmontur vor einem Waffenarsenal im Nahen Osten. Ein weiteres Foto soll ihn beim Posieren vor Leichen zeigen, noch eines beim Essen mit einem möglichen hochrangigen IS-Kader. Diesen Mann verdächtigen die Geheimdienste als wahren Drahtzieher der Anschläge in Paris.

Im vergangenen Dezember kam Farid A. über die Balkanroute nach Bayern und wurde dort registriert, zusammen mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Kindern. Er gab sich als Syrer aus Aleppo aus. Zwei weitere der Festgenommenen dagegen leben bereits seit Jahren in Deutschland.