Terrorgruppierung Islamischer Staat Wie sich der Niedergang des IS weltweit bemerkbar macht

Auf einem Fenstersims in der nordsyrischen Stadt Raqqa steht eine Wasserflasche - bemalt im Antlitz eines IS-Kämpfers.

(Foto: picture alliance/AP Photo)
  • Ob Sankt Petersburg oder Las Vegas - die Terrormiliz Islamischer Staat reklamiert immer mehr Anschläge oder auch Amokläufe für sich, die nachweislich nicht auf ihr Konto gehen.
  • In deutschen und europäischen Sicherheitskreisen wird das aufmerkam registriert. Der IS sei auf dem Weg zu einer "Organistion von Angebern" zu werden, heißt es.
  • Tatsächlich ist die Zahl von islamistischen Anschlägen oder Anschlagsversuchen in Deutschland zuletzt gesunken.
Von Georg Mascolo und Ronen Steinke, Berlin

Es war kurz vor der Jahreswende, als in einem Supermarkt in Sankt Petersburg eine Bombe in einem Schließfach explodierte, sie war mit Metallteilen gespickt. 14 Menschen wurden verletzt, nur durch Glück kam niemand ums Leben.

Kurz darauf verschickte der Nachrichtenkanal Wilayat News Network, ein Propagandaorgan des sogenannten Islamischen Staates, eine Eilmeldung. Dieser Anschlag gehe auf das Konto einer "verdeckten Einheit" des IS, welche das "Kreuzzüglerland" Russland ins Visier genommen habe, hieß es auf Arabisch und Englisch. "Die Explosion führte zur Verletzung von 13 Kreuzzüglern, gepriesen sei Allah."

Inzwischen haben die zuständigen russischen Ermittler dies zu einer Falschmeldung erklärt. Der wahre Täter, Dmitri L., passt so gar nicht ins Schema der Islamisten, er ist ein Russe mit rechtsradikaler Vergangenheit, der die Polizei zu sich führte, indem er nah am Tatort zwei USB-Sticks hinterließ. Seit seinem 19. Lebensjahr war er in psychiatrischen Anstalten in Behandlung. Die Tat verübte er nach eigenen Angaben aus "Hass" auf das dortige Personal.

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So war es schon in Las Vegas. Ein 64-jähriger Amerikaner hatte dort am 1. Oktober 2017 auf die Besucher eines Country-Konzerts geschossen und 58 von ihnen getötet. Der IS behauptete, ein "Kämpfer des Kalifats" hätte den Massenmord verübt. So war es auch in Paris, wo der IS im September über seine Propagandazeitungal-Naba die Verantwortung für eine angebliche Bombe am Flughafen übernahm. Tatsächlich waren die Angaben falsch, wie französische Ermittler aufklärten.

Und so war es vermutlich auch in Manila im Juni 2017 und in Hamburg im Oktober 2016: Erst gab es Selbstbezichtigungen des IS, Verdacht auf Terrorismus also, Fahndungen begannen. Auf den zweiten Blick stellten sich die Geständnisse als zweifelhaft heraus. Sankt Petersburg nun ist nur das jüngste Beispiel für den Versuch der Terroristen, fremde Taten für sich zu reklamieren.

Einst galt, dass man Bekenntnisse der Gruppe sehr ernst nehmen musste. Kamen Zweifel an ihrer Echtheit auf, schob der IS rasch Details über die Täter nach, Insiderwissen. Oder wie im Fall des Anschlags auf einen Berliner Weihnachtsmarkt gar ein Video, in dem der Täter Anis Amri dem IS die Treue geschworen hatte.

Auf dem Weg zu einer "Organisation von Angebern"

Inzwischen, so sagt der Washingtoner Professor Bruce Hoffman, einer der besten Terrorismus-Kenner, versuche der IS offenbar verzweifelt, internationale Aufmerksamkeit an sich zu ziehen. Die Gruppe sei bereit, auch fremde Schreckensereignisse wie Amokläufe für die eigenen Zwecke zu "melken".

Auch in deutschen und europäischen Sicherheitskreisen wird der Trend aufmerksam registriert; manche sprechen davon, dass der IS auf dem Weg sei, zu einer "Organisation von Angebern" zu werden und seinen schlechten Ruf zu verspielen. "Ein Zeichen schierer Verzweiflung", sagt Peter Vincent, der früher im US-Heimatschutzministerium arbeitete.

In gewisser Weise ist es die Fortführung einer bekannten Strategie. Der IS macht es Sympathisanten bewusst leicht, in seinem Namen zu handeln; ganz anders als einst al-Qaida, wo Bewerber streng geprüft wurden. Im Bemühen, möglichst viele Anschläge vorweisen zu können, um die Angst vor dem IS zu vergrößern, war die Gruppe noch nie wählerisch.

IS reklamiert auch abseitige Taten für sich

Sie reklamierte auch gescheiterte Attentate für sich, etwa das auf den Pariser Champs-Élysées im vergangenen Juni, wo ein Attentäter mit seinem mit Sprengstoff beladenen Auto einen Polizeibus rammte. Es kam zu einem Brand, zu Schaden kam nur der Attentäter selbst, ein polizeibekannter Islamist. Er starb in den Flammen seines Wagens.

Die Terrororganisation geht noch einen Schritt weiter, indem sie sich Angriffe zuschreibt, die sie nur aus den Nachrichten kennt. "Schon geringe tatsächliche Verbindungen genügen ihr mittlerweile, um eine Tat für sich zu reklamieren", sagt der Terrorismusforscher Hoffman. Die IS-Oberen ermunterten Anhänger, auch eigenständig zu agieren. "Deshalb nehmen sie an, vor der Öffentlichkeit glaubhaft behaupten zu können, dass auch abseitige Taten auf ihre Aufforderungen zurückgehen."