Terroranschlag von Nizza Was wir über die Tat wissen - und was nicht

In der Nacht zum Freitag ist ein Lkw in Nizza in eine Menschenmenge gerast. Mindestens 84 Menschen sind ums Leben gekommen. Die Fakten.

Charlie Hebdo, Bataclan, Nizza: Innerhalb von nur anderthalb Jahren ist es der dritte verheerende Anschlag. Ein Mann, der mit einem Lkw in eine Menschenmenge rast und Dutzende einfach überrollt, der also mit einer Waffe tötet, für den er nicht einmal einen Waffenschein braucht, versetzt Frankreich in einen Schock.

Präsident François Hollande, für den die Ansprachen nach Terroranschlägen inzwischen zur traurigen Routine geworden sind, nennt die Tat von Nizza einen "Terroranschlag". Auch zahlreiche Experten melden sich zu Wort und analysieren, inwieweit die Vorgehensweise des Attentäters die Handschrift des IS trägt. Doch während der Hergang des Anschlages, die Identität des Lkw-Fahrers und seine Lebensumstände inzwischen einigermaßen gesichert sind, ist über sein Motiv noch kaum etwas bekannt.

Alles, was wir wissen und alles, was noch unklar ist, im Überblick:

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Was über die Tat bekannt ist

  • Gegen 22:30 Uhr am Donnerstagabend fährt ein Mann in einem Kühltransporter die bei Touristen und Bürgern beliebte Strandpromenade Promenade des Anglais entlang. Dort feiern mehr als 30 000 Menschen. Der Täter rast in die Menge und überfährt Menschen auf einer Strecke von knapp zwei Kilometern.
  • Auf Höhe des Hotels Negresco schießt der Täter auf Polizisten und fährt dann noch ein Stück weiter, bevor ihn Spezialkräfte ihn seinem Lkw erschießen.
  • In der Fahrerkabine des Lkw werden später eine funktionsunfähige Granate und Feuerwaffen-Attrappen gefunden; außerdem ein Führerschein, eine Bankkarte und diverse andere Dokumente sowie ein Mobiltelefon.
  • Den Lastwagen mietete der Täter vor einigen Tagen in der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur. Das Fahrrad, mit dem er zu dem im Westen von Nizza geparkten Fahrzeug fuhr, findet sich - neben einigen leeren Paletten - im Laderaum des Lkw.

Was wir zu den Opfern wissen

  • Nach Angaben von Behörden kommen bei dem Angriff mindestens 84 Personen ums Leben, darunter zehn Kinder und Jugendliche. 202 Menschen sind verletzt, 52 von ihnen lebensbedrohlich. Unter den Verletzten sollen sich nach Angaben von Lokalmedien um die 50 Kinder befinden.
  • Bisher ist bekannt, dass mindestens zwei US-Bürger, zwei Marokkaner, eine Schweizerin, eine Russin, eine Armenierin, ein Ukrainer sowie ein Tunesier bei dem Anschlag ums Leben kamen. Hinzu kommen zahlreiche Tote aus Frankreich.
  • Auch der Tod dreier Deutscher ist bestätigt. Das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf hat bestätigt, dass es sich um zwei Schülerinnen des Abiturjahrgangs der Paula-Fürst-Gemeinschaftsschule in Berlin und eine ihrer Lehrerinnen handelt.
  • Dem Tagesspiegel zufolge hielten sich zur Zeit des Anschlags mindestens sechs Berliner Schulklassen in Nizza auf. Fünf Schulen meldeten, dass ihre Schüler und Lehrer in Sicherheit seien.

Was wir über den Täter wissen

  • Die Ermittler haben den Täter als Mohamed Lahouaiej Bouhlel identifiziert. Er wurde am 3.1.1985 in Tunesien geboren und lebte in Nizza.
  • Er ist der Polizei bekannt gewesen und wurde im März zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Dabei ging es um eine Auseinandersetzung nach einem Verkehrsunfall. Auch wegen Diebstahls und häuslicher Gewalt soll er bereits aufgefallen sein.
  • Die Geheimdienste hatten keinerlei Meldungen über ihn. Bouhlel wurde auch in keiner Datenbank wegen einer möglichen islamistischen Radikalisierung geführt. Ein sogenanntes "Fiche S", ein Vermerk, mit dem die französischen Behörden Personen kennzeichnen, die potenziell eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstellen, existierte nicht.
  • Nachbarn haben dem Radiosender France Info erzählt, dass der 31-Jährige als Kurierfahrer arbeitet. Demnach sei er nicht sehr religiös gewesen, er habe sich für "Salsa und hübsche Mädchen" interessiert. Andere beschreiben ihn als Einzelgänger.
  • Er soll sich vor Kurzem von seiner Frau getrennt haben und Vater von drei Kindern sein. Die Frau lebte offenbar in der Wohnung, in der auch Bouhlel bis zuletzt gemeldet war.
  • Lesen Sie hier, was im Detail bisher zu Bouhlel bekannt ist.

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Wie die Politik reagiert

  • Frankreichs Präsident François Hollande bezeichnet den Angriff in einer Fernsehansprache als Terroranschlag. "Ganz Frankreich ist vom islamistischen Terrorismus bedroht", sagt Hollande. Der Präsident reiste am Freitag nach Nizza und besuchte Opfer in einem Krankenhaus.
  • Für Samstagmorgen hat Hollande den nationalen Verteidigungsrat einberufen. Der Ausnahmezustand in Frankreich, der eigentlich Ende Juli enden sollte, wird um drei Monate verlängert. Auch die EU-Außenminister werden am Montag über Konsequenzen aus dem Anschlag beraten.

Was wir nicht wissen

  • Ob es noch weitere Täter gab. Wie die französische Zeitung Le Figaro berichtet, sei der Fahrer alleine in dem Lastwagen gewesen.
  • Aus welchen Motiven er handelte. Zwar gibt es einige Indizien dafür, dass es sich um eine Tat mit islamistischem Hintergrund handelten, doch die Hinweise sind sehr vage.
  • Ob, und wenn ja, welche Terrororganisation für den Anschlag verantwortlich ist. Oder ob Bouhlel auf eigene Initiative handelte.