Fotograf des Mumbai-Attentäters im Interview "Hinter mir knallten Schüsse"

Der Fotograf Sebastian D'Souza war während des Massakers im Bahnhof von Mumbai - und machte ein weltbekanntes Bild. Ein Gespräch über Angst, unfähige Polizisten und blaue Hemden.

Interview: Oliver Das Gupta, Mumbai

Sebastian D'Souza, Jahrgang 1950, ist Fotograf der Tageszeitung Mumbai Mirror. Am 26. November 2008 wurde er Zeuge des Terroranschlags im Chhatrapati Shivaji Terminus, dem größten Bahnhof Mumbais. Die beiden Attentäter ermordeten 50 Menschen im zentralen Bereich des Kopfbahnhofs. Unter Lebensgefahr dokumentierte D'Souza das Massaker. Sein Foto des Attentäters Ajmal Kasab ging um die Welt. sueddeutsche.de sprach mit Sebastian D'Souza in der Redaktion seiner Zeitung. Während er sich an jenen Abend erinnerte, schwankte seine Stimmung zwischen Wut, Traurigkeit und schwarzem Humor.

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Der Fotograf Sebastian D'Souza im Bahnhof Chhatrapati Shivaji Terminus in Mumbai.

(Foto: Foto: Oliver Das Gupta)

sueddeutsche.de: Herr D'Souza, Sie wurden Zeuge des Massakers am Chhatrapati Shivaji Bahnhof und fotografierten die Terroristen. Wie sind Sie da eigentlich reingeraten?

Sebastian D'Souza: Durch die örtliche Nähe. Unsere Redaktion liegt direkt gegenüber dem Bahnhof. Wir hatten gerade die Abendausgabe des Mumbai Mirror fertig gemacht, als gegen 21:30 Uhr ein Reporter hereinstürzte. Er sagte, ein Bewaffneter sei ins Taj Mahal Hotel eingedrungen und erschieße Menschen. Meine Kollegen und ich packten unsere Kameras und rannten aus dem Gebäude.

sueddeutsche.de: Inzwischen hatte der Terror auch auf der anderen Straßenseite begonnen - im Hauptbahnhof von Mumbai.

D'Souza: Die große Straße - sie ist normalerweise bis in die Nacht so stark befahren wie jetzt (deutet hinaus, wo der Verkehr zäh fließt) - war komplett frei. In der Nähe wurden Schüsse abgefeuert. Meine Kollegen liefen in alle möglichen Richtungen, ich überquerte die Straße und betrat den normalerweise übervollen Bahnhof - er war wie leergefegt.

sueddeutsche.de: Was sahen Sie in der Bahnhofshalle als Erstes?

D'Souza: Zunächst hörte ich nur den Hall der Schüsse. Ich stieß auf zwei Polizisten, die ängstlich um die Ecke lugten. Dann sah ich die erste Leiche.

sueddeutsche.de: Die beiden Attentäter mordeten schon seit zehn Minuten, als Sie in den Bahnhof kamen. Haben Sie die Terroristen gleich erkannt?

D'Souza: Nein. Als ich bei den Polizisten stand, sah ich dunkle Figuren mit Rucksäcken. Ich dachte, das sind sicher Touristen, die vor den Schüssen fliehen.

sueddeutsche.de: Aber in den Rucksäcken befanden sich Munition und Waffen.

D'Souza: Das habe ich dann schnell kapiert. Sie standen am Ticketschalter, feuerten und warfen Granaten.

sueddeutsche.de: Das sahen auch die Polizisten. Wie haben sie reagiert?

D'Souza: Erstmal gar nicht. Dann sagte ich zu dem einen, der ein Gewehr trug, er möge schießen. Er legte an und drückte ab. Dazu muss man wissen: Das ist eine Waffe mit zwei Kugeln, die großen Krach macht. Mehr nicht.

sueddeutsche.de: Eine Flinte mit zwei Kugeln?

D'Souza: Ja! Ich kenne diesen Gewehrtyp. Er trifft niemals sein Ziel. Auch in jener schlimmen Nacht nicht.

sueddeutsche.de: Wie reagierten die Attentäter?

D'Souza: Sie feuerten zurück. Uns trafen sie nicht, aber den Betreiber eines Buch- und Zeitschriftenladens, der aus irgendeinem Grund nicht weggelaufen war. Er stürzte, drehte sich zu mir und streckte seine Arme nach mir aus.

sueddeutsche.de: Haben Sie ihm geholfen?

D'Souza: Ich konnte nicht. Die Täter kamen auf uns zu, und sie hätten auch mich erwischt. Ich machte schnell zwei Fotos von dem Sterbenden. Dann rannte ich zum nächstgelegenen Gleis, Nummer sechs. Dort stand ein leerer Zug, ich bin hineingesprungen und habe gewartet. Ich wollte Bilder.

sueddeutsche.de: Was taten die Polizisten?

D'Souza: Sie blieben, wo sie waren. Inzwischen hatte der andere die Waffe genommen. Ich rief ihnen zu: "Kommt her, hier habt ihr eine bessere Sicht!" Aber sie wirkten wie paralysiert. In dieser Situation sagte mir eine innere Stimme: Wenn sie kommen, kriegst du zwar dein Foto. Aber du bist zu nah dran. Das Risiko ist zu hoch.

sueddeutsche.de: Wie nah dran waren Sie denn?

D'Souza: Etwa drei bis vier Meter. Ich hörte auf die Stimme in meinem Kopf und rannte los, über den nächsten Bahnsteig in den nächsten Zug. Hinter mir knallten Schüsse.

sueddeutsche.de: Wurde auf Sie gefeuert?

D'Souza: Nein, aber das habe ich erst später gemerkt. Die Täter hatten sich aufgeteilt und kamen von zwei Seiten - so haben sie die Polizisten erwischt.

sueddeutsche.de: Sie warteten derweil im Zug am Gleis vier.

D'Souza: Ja. Kurz nach den Salven gelang mir mein Foto, das später überall gezeigt wurde. Ich sah einen der Terroristen kommen. Es war Ajmal Kasab, der einzige Attentäter, der später lebend überwältigt werden konnte. Der Prozess gegen ihn läuft noch, ihm droht die Todesstrafe.

sueddeutsche.de: Hat er Sie gesehen?

D'Souza: Ich glaube nicht. Er feuerte gerade in eine andere Richtung, und als er sich umdrehte, hatte ich mich schon wieder versteckt.

Auf der nächsten Seite: Sebastian D'Souza über sein verräterisches Hemd, seine Wut auf die Täter und das Foto, das ihn berühmt gemacht hat.