Übergriffe auf Palästinenser in Israel Hass verhindert Frieden

In Israel und den besetzten Gebieten häufen sich brutale Übergriffe radikaler Juden auf Palästinenser und Araber. Nicht nur Ministerpräsident Netanjahu gibt sich besorgt, nun nimmt auch das US-Außenministerium die Taten erstmals in seinen Terror-Bericht auf - und stellt die gewaltbereiten jüdischen Siedler auf eine Stufe mit der Hamas.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Eine Familie eingeschlossen in einem brennenden Taxi im Westjordanland, ein Jugendlicher halb totgeschlagen von einem Mob mitten in Jerusalem - erschreckende, verstörende Bilder und Berichte sind das, die in diesen Tagen Israelis wie Palästinenser bewegen. Die Gewalt mag zum Alltag gehören im Nahen Osten, doch die jüngsten Fälle sind nicht nur von besonderer Brutalität, sondern sie werfen auch ein Schlaglicht auf neue Fronten und Gefahren. Denn wenn die Regierung in Jerusalem die Taten nun als Terrorakte verurteilt, dann spricht sie von Terror aus den eigenen Reihen. Die Opfer waren allesamt Palästinenser, und die mutmaßlichen Täter radikale Juden. Sogar aus Washington kommen nun schon ernste Warnungen vor der wachsenden Gewalt der Siedler.

Der Jerusalemer Zionsplatz ist an den Wochenenden stets bevölkert von Flaneuren und Nachtschwärmern. Gegen Mitternacht war hier auch der aus dem arabischen Ostteil der Stadt stammende 17-jährige Jamal Julani mit zwei Cousins unterwegs, als sie Augenzeugenberichten zufolge von einer Gruppe jüdischer Jugendlicher umzingelt und angegriffen wurden. "Tod den Arabern" wurde dabei angeblich skandiert, und unter Schlägen und Tritten ging Julani zu Boden.

Die Polizei sprach später von Dutzenden Angreifern und Hunderten Schaulustigen, die den Vorfall beobachtet hätten, ohne einzugreifen. Als der Rettungswagen kam, gab Julani kein Lebenszeichen mehr von sich, zehn Minuten lang wurde er am Tatort wiederbelebt, bevor er ins Krankenhaus gebracht wurde. "Nur ein Wunder hat sein Leben gerettet", sagte ein Polizeisprecher. Festgenommen und verhört wurden wegen der Tat inzwischen fünf Jugendliche, der jüngste ist dreizehn, auch ein 15-jähriges Mädchen ist darunter.

Dreijähriges Kind bei Attentat verletzt

Im selben Hospital wie der fast gelynchte junge Palästinenser werden auch die Brandwunden der Mitglieder der Familie Jayada behandelt. Fotos zeigen den dreijährigen Sohn mit Verbänden am ganzen Körper, der Vater liegt mit schwersten Verletzungen im Koma. Die Familie aus einem Dorf nahe Bethlehem war in einem Taxi unterwegs, um Einkäufe für das derzeit gefeierte Freudenfest zum Ende des Fastenmonats Ramadan zu erledigen. Nahe der jüdischen Siedlung Bat Ein wurde der Wagen von einem Molotowcocktail getroffen, ging in Flammen auf und überschlug sich. Als die Rettungswagen kamen, waren der oder die Täter schon geflüchtet. Gefunden wurde am Tatort noch ein weiterer Brandsatz.

Die Familie der Opfer erhebt nun schwere Vorwürfe. Der Tatort liegt in einem Gebiet, das wegen der dort gebauten Siedlungen unter vollständiger Kontrolle der israelischen Armee steht. Die Bewegungsfreiheit der palästinensischen Bewohner ist stark eingeschränkt, sie dürfen zum Beispiel nur auf bestimmten Straßen fahren - und dort sind sie offenbar schon häufiger Angriffen von Siedlern ausgesetzt gewesen. Alle diese Übergriffe, so wird nun geklagt, seien von der israelischen Armee ignoriert worden. Palästinenser-Präsident Machmud Abbas erklärte dazu im Radio, solche Taten geschähen "im Schatten des Schutzes, den die Besatzungsarmee den Siedlern gewährt".

Netanjahu ist besorgt

Aufgeschreckt durch die Taten zeigt sich inzwischen auch die israelische Regierung. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat sich bereits dreimal zu den Vorfällen geäußert. Zunächst veröffentlichte er eine Erklärung, in der er zusicherte, die Angreifer schnell der Justiz zuzuführen, dann ließ er seinen Unterhändler Jitzchak Molcho in Ramallah versichern, dass er die Attacken "sehr ernst" nehme.

Schließlich rief er Zeitungsberichten zufolge selbst bei Abbas an und verband seine guten Wünsche zum Fest des Fastenbrechens mit dem Versprechen, alle Anstrengungen für eine Verhaftung der Täter zu unternehmen. Sein Stellvertreter Mosche Jaalon nannte "Hassverbrechen gegen Araber nicht tolerierbar" und sprach von einer "Terrorattacke".

Die Wortwahl ist ungewöhnlich, denn mit Terror werden in Israel gemeinhin nur palästinensische Angriffe assoziiert. Doch radikale Siedler des Westjordanlands hatten in jüngster Zeit immer wieder mit Gewalttaten Sicherheitskräfte und Regierung aufgeschreckt. Als Preisschild-Politik bezeichnen sie ihr Vorgehen. Das bedeutet, dass palästinensische Zivilisten immer einen Preis dafür zu zahlen haben, dass illegale Siedungsbauten vom Abriss bedroht werden. Zur Vergeltung werden Olivenbäume gefällt, Autos und immer wieder auch Moscheen in Brand gesteckt.

Einige dieser Vorfälle fanden nun erstmals Aufnahme in den amerikanischen Terror-Bericht, der jedes Jahr vom US-Außenministerium vorgelegt wird. Die Siedler stehen hier jetzt also auf einer Stufe mit der Hamas. So zeigt sich immer deutlicher, dass sowohl die israelische als auch die palästinensische Führung herausgefordert wird von radikalen Kräften in den eigenen Reihen, die mit Gewalt jeden Fortschritt in Richtung Frieden verhindern wollen.