Ermittlungen nach Berliner Anschlag Auf einer Risiko-Skala wurde eine Gewalttat als unwahrscheinlich eingeschätzt

Dieser Amri beschäftigt nicht nur die örtlichen Sicherheitsbehörden in Berlin und Nordrhein-Westfalen; er schafft es auch immer wieder auf die Tagesordnung des Gemeinsamen Terrorismus-Abwehrzentrums (GTAZ) von Bund und Ländern in Berlin. Die Experten hier müssen immer aufs Neue entscheiden, ob auffällige "Gefährder" nur Maulhelden sind, die sich ein bisschen wichtig machen, Mitläufer eben, oder ob sie wirklich zur Tat bereit und entschlossen sind.

Die Behörden haben hierfür eine achtstufige Skala entwickelt, ein Prognosemodell. Ziffer eins steht dafür, dass "mit einem gefährdenden Ereignis zu rechnen ist". Die Acht bedeutet, ein solches Ereignis sei auszuschließen. Anis Amris Verhalten wurde zwei Mal mit einer fünf bewertet. Das bedeutet: Eine Gewalttat ist eher unwahrscheinlich. Zuletzt diskutierten die Experten im GTAZ über Amri am 2. November; warum und mit welchem Ergebnis, ist bisher unbekannt. War er da schon zur Tat entschlossen?

In den Sicherheitsbehörden hat längst die Debatte darüber begonnen, was schiefgelaufen ist; es gibt im Wesentlichen zwei Interpretationen. Nach einer Lesart war der Anschlag in Berlin nicht zu verhindern. Es gebe eben zu viele radikale Islamisten in Deutschland, inzwischen auch unter den Flüchtlingen. Es sei unmöglich, sie alle im Blick zu behalten. Zudem sei Amri ein so genannter "Schlafplatz-Hopper" gewesen. Er sei oft zwischen Nordrhein-Westfalen und Berlin gependelt. Überall in der Salafisten-Szene hatte er Freunde gefunden.

Er zeige eine "Konspirativität", die selbst unter Islamisten ungewöhnlich sei

Nach der zweiten Lesart hingegen liegt im Fall Amri eine klare Panne vor. Ein Gefährder, der seit zehn Monaten von Anschlägen sprach, hätte nicht untertauchen dürfen. Zwar haben die Strafverfahren gegen ihn nicht genug Erkenntnisse gebracht, um ihn zu verhaften. Aber genau aus diesem Grund gibt es die Kategorie des "Gefährders": Sie gilt für Verdächtige, denen sich nichts nachweisen lässt, denen man aber eine künftige Tat zutraut und die deswegen engmaschig kontrolliert werden müssen.

Ausgerechnet Amri aber gelang es abzutauchen. In den Wochen vor der Tat wussten die Sicherheitsbehörden nicht, wo er sich aufhielt, wie und mit wem er kommunizierte. Dies wäre besonders von Interesse gewesen, nachdem seine Glaubensbrüder um den Prediger Abu Walaa Anfang November verhaftet worden waren.

In dem Profil vom 14. Dezember steht über Amri, er zeige "Polizeierfahrung" und eine "Konspirativität", die selbst unter Islamisten ungewöhnlich sei. Auch das hatten die Behörden erkannt. Stoppen konnten sie ihn nicht.

Lkw-Bremssystem verhinderte noch mehr Tote in Berlin

Eine technische Vorrichtung am Fahrzeug stoppte die tödliche Fahrt auf dem Weihnachtsmarkt. Auf seiner Flucht nahm der mutmaßliche Attentäter verschlungene Wege. Von Hans Leyendecker, Georg Mascolo und Nicolas Richter mehr...