Von Thorsten Denkler, Berlin

Ob Bild, Welt, B.Z. oder Berliner Morgenpost: Die Springer-Presse der Hauptstadt rechnet sich die Niederlage schön und spricht vom Sieg der Demokratie. Kein Wunder, nach der Kampagne.

So leicht kommt Klaus Wowereit der Springer-Presse nicht davon. Das Volksbegehren zum Erhalt des Flughafens Tempelhof am Sonntag ist zwar gescheitert, weil für das Erreichen des notwendigen Quorums von 25 Prozent der Stimmen aller Wahlberechtigten 80.000 gültige Wahlzettel mit Ja fehlten - doch der Kampf der Gegner geht weiter.

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Entzweit der Streit um den Flughafen Tempelhof die Stadt? (© Foto: ddp)

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Jetzt ruft die Springer-Presse das Volksbegehren zum Sieg der Demokratie aus. Und führt damit eine beispiellose Kampagne weiter, mit der der Druck auf den Regierenden Bürgermeister hoch gehalten werden soll, Tempelhof doch noch länger offen zu lassen.

Schon bevor die Berliner am Sonntag zur Wahl gingen, war für die Springer-Presse in der Hauptstadt klar, was zu passieren hat. Seit Monaten sehen sich die Leser von Welt, Berliner Morgenpost, Bild und B.Z. beinahe täglich mit Sonderseiten zum Berliner Stadtflughafen konfrontiert.

Es gab Serien zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft des einst größten Gebäudes der Welt. Ein anderes Mal hieß es: "100 Prominente bekennen" - warum sie für Tempelhof sind.

Noch am Samstag titelte die Berlin-Ausgabe der Bild: "Berliner, rettet euern Tempelhof." Der Wahltag sei ein "historischer Sonntag" für Berlin. Abgestimmt werde über nicht weniger als über eine "Legende ... weltberühmt geworden während der Luftbrücke 1948/49".

Damals landeten die Rosinenbomber der Amerikaner auf dem Tempelhofer Flugfeld und versorgten die eingeschlossenen Westberliner. Und, klar, heute stärke der Flughafen die Wirtschaftskraft Berlins, schaffe Arbeitsplätze und sei Garant für kurze Wege.

Der Bild-Wahl-Aufruf zum Wochenende endet mit den drei Sätzen: "Der Senat will diesen Flughafen schließen! Dagegen wehren sich die Berliner! Sie wollen Tempelhof retten!"

Wollen sie nicht. Das Ergebnis der Abstimmung fiel deutlich aus. Gerade mal ein Drittel der wahlberechtigten 2,44 Millionen Berliner zog es überhaupt an die Urnen. 21,7 Prozent der Berliner stimmten für den Erhalt.

Die Springer-Presse macht daraus einen Sieg: "Gewonnen hat die Demokratie". Denn: "530.231 Berliner für Tempelhof!", titelt die Bild am Tag danach. Und weiter: "Herr Wowereit, das dürfen Sie nicht ignorieren!"

Das ist ganz im Sinne von CDU-Fraktionschef Friedbert Pflüger, dem selbsternannten Wortführer der Pro-Tempelhof-Bewegung, die unterstützt wird von lokalen Wirtschaftsgrößen bis hin zu Bahnchef Hartmut Mehdorn, den bürgerlichen Parteien CDU und FDP sowie einer merkwürdigen Mischung aus A-, B-, und C- bis Z-Promis wie Herbert Grönemeyer, Udo Lindenberg, Kanzlerin-Friseur Udo Walz, Edel-Playboy Rolf Eden oder Schauspielerin Iris Berben.

Pflüger also sprach angesichts des verfehlten Quorums von einem "dollen Sieg" und wer das zu einer Niederlage mache, "der hat von Demokratie nichts verstanden".

Die B.Z. titelte fast wortgleich mit Bild: "530.231 Berliner stimmten für Tempelhof". Jedoch immerhin mit dem Nachsatz "aber nicht genug". Diesmal fehlt das obligatorische Ausrufezeichen.

Auf den folgenden vier Sonderseiten wird das Ergebnis schöngerechnet. B-Z.-Kommentator Olaf Wedekind schreibt, zwei Drittel der Wähler hätten für die Offenhaltung Tempelhofs votiert. Das sei ein deutliches Votum und deshalb müsse Wowereit seine Tempelhofpläne neu bewerten.

Die Zahl stimmt in Bezug auf die abgegebenen Stimmen. Doch zwei Drittel der Berliner ließen sich offenbar weder von den Tausenden Pro-Tempelhof-Plakaten in der Stadt noch von der Springer-Kampagne beeindrucken: Sie gingen gar nicht erst zur Wahl.

Das scheint auch die ansonsten nicht ganz so schrille Berliner Morgenpost (ebenfalls mit vier Sonderseiten dabei) nicht zu stören. Sie titelt ganz auf Springer-Linie: "Große Mehrheit für Tempelhof". Erst nach dem Gedankenstrich folgt "aber Volksentscheid gescheitert".

Wer die Schuld an dem Misserfolg hat, scheint auch ausgemacht. "Haben die Ostbezirke die Wahl entschieden?", fragt die B.Z. auf Seite eins, um drei Seiten später festzustellen: "Es gibt eine Tempelhof-Mauer in Berlin."

Wie in Zeiten des Kalten Krieges spiegelt die Berlin-Grafik wieder, auf welcher Seite der Mauer die Bösen zu finden sind. Der Osten ist rot, der Westen blau. Bild dazu: "Der demokratische Volksentscheid wurde [im Osten] nicht genutzt."

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(sueddeutsche.de/jja)