Tataren auf der Krim Die Angst geht um

Auf der Halbinsel Krim leben Ukrainer, Tataren und Russen als Nachbarn, Arbeitskollegen, Freunde oder auch Eheleute zusammen. Doch die drohende Abspaltung könnte sie zu Feinden werden lassen. Ein Besuch.

Von Tim Neshitov, Bachtschyssaraj

Die Kreuze sind klein und blass, scheinbar beiläufig eingeritzt in Haustüren und Zauntore. So sehen Kratzer aus, die Pubertierende in fremdem Autolack hinterlassen. Diese Kreuze sind aber nicht beiläufig gesetzt, es soll sie nur sehen, wer nach ihnen sucht. Man sieht sie besser im Dunkeln, im Licht einer Taschenlampe, als am Tag. Sie markieren neuerdings die Häuser von Tataren auf der Krim. Die zwei Querbalken sollen niemanden anprangern, wieso soll man sich auch schämen, Tatare zu sein? Sie sind rein funktional. Wie das Kreuzchen im Zielfernrohr.

Sadika Memetowa, 76, hat Angst. Sie hat Brustschmerzen. Das letzte Mal sah sie solche Kreuze am 18. Mai 1944. Sie wohnte damals in derselben Stadt, Bachtschyssaraj, im Süden der Krim, nur ein paar Straßenzüge weiter. In der Dämmerung, da standen sie alle in ihren Schlafsachen vor der Tür, die Mutter, Sadika und ihre sechs Geschwister. Die russischen Soldaten sagten: Verräter. Sie befahlen: Abmarsch. Zum Bahnhof, in den Viehwaggon.

Sadika war sieben. Sie wurde auf Stalins Befehl hin nach Usbekistan deportiert, weil einige Tataren auf der Krim zwischen 1941 und 1944 zu den deutschen Besatzern übergelaufen waren. Im Mai 1944, als die Krim wieder befreit war, wurden die Häuser aller Tataren mit Kreuzen markiert. In Bachtschyssaraj wäre es einfacher gewesen, die Häuser der Nichttataren zu markieren, denn mindestens zwei Drittel der Bewohner dieser Stadt waren Tataren.

"Wenn ich schlafe, träume ich von den Soldaten"

Sadikas Vater war nicht dabei, als die Soldaten in der Dämmerung an die Tür hämmerten. Er kämpfte in der Roten Armee. "Ich will, dass meine Enkelkinder und ihre Kinder hier wegkommen", sagt Sadika. Seit dem 1. März, als die Tür ihres Hauses markiert wurde, schläft sie nur in Fetzen, döst auf der Couch weg, während der Fernseher weiterläuft. "Ich sah die Leute nicht, die uns am Samstag das Kreuz einritzten. Wenn ich schlafe, träume ich von den Soldaten, die uns 1944 abführten."

Die Leute vom vergangenen Samstag. Sadikas Nichte Ava sah sie, aus dem Küchenfenster. Sie wohnt zwei Häuser weiter. Vier Männer in Kapuzenjacken und Springerstiefeln waren es, sagt sie, mit Baseballschlägern. Sie seien in einem weißen Mercedes gekommen. "Standen an der Kreuzung da, gegen halb vier nachmittags. Hielten Listen in der Hand. Jeder lief eine Straße ab. Unsere Männer waren um die Uhrzeit alle in der Arbeit. Ich blieb zu Hause. Meinen Söhnen sagte ich nichts. Sie saßen im Wohnzimmer, der eine ist 20, der andere 25. Sie sind sehr heißblütig."

Als Avas Mann nach Hause kam, holte er eine Metallsäge aus der Garage und schnitt zwei Stahlbetonstäbe in vier Stücke, zwei für die Söhne, einen für sich, einen für Ava. "So gingen wir schlafen." Am Sonntag riefen sie die Polizei. Es kamen vier Beamte, zwei Russen, zwei Tataren. Die Russen sagten: Was gibt es hier zu ermitteln? Die Tataren sagten, auf Tatarisch: Erzählt den Russen nicht zu viel.

Nach Schichtplan auf den Maidan

Die Polizei der Krim untersteht nicht mehr dem Innenminister in Kiew, sondern dem selbsternannten Ministerpräsidenten der Krim, Sergej Aksjonow, in Personalunion Chef der nationalistischen Partei Russische Einheit. Aksjonow sagt, internationale Beobachter seien auf der Krim nicht willkommen, niemand habe zum Beispiel den UN-Gesandten eingeladen. Auf der Krim leben mindestens 350 000 Tataren, die meisten von ihnen unterstützen seit ihrer Rückkehr aus der Deportation 1989 politische Kräfte, die Moskaus Einfluss auf die Ukraine mindern wollen.

Die Tataren von Bachtschyssaraj, heute ein Drittel der Stadtbevölkerung, sind für ihre Solidaritätskundgebungen an die Opposition in Kiew bekannt. Sie standen bereits 2004 während der orangenen Revolution auf dem Maidan. Diesmal protestierten auf dem Maidan drei Monate lang 100 Tataren aus Bachtschyssaraj, jeden Tag. Wer nach Hause fuhr, wurde ersetzt, es gab Schichtpläne.

Nun sind die Tataren zurück auf der Krim und organisieren eigene Bürgerwehren. Sie patrouillieren nachts die Straßen. In Simferopol, der Hauptstadt der Halbinsel, patrouillieren sie von 19 Uhr bis zwei Uhr morgens und von zwei bis sieben. In Bachtschyssaraj von acht bis eins und von eins bis acht. Hunderte Frauen und Kinder haben die Krim bereits verlassen. In der Westukraine gibt es Bürgerinitiativen, die Unterkünfte für Tataren organisieren. Wer Verwandte in der Türkei oder Westeuropa hat, bucht Flugtickets.

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Die Geschichte von Rüstem

Rüstem, ein Enkelsohn Sadikas, geboren 1985 im usbekischen Exil, patrouilliert mit drei Nachbarn durch das Viertel "Saubere Quelle", etwa 300 Häuser, nur siebzig davon tatarisch. Die übrigen Häuser gehören Russen und Ukrainern. Bis auf einen Onkel Petja, der mit einer Tatarin verheiratet ist, patrouilliert niemand mit den Tataren.

Unweit dieses Viertels liegt das Gelände der ukrainischen Militäreinheit 2904. Das Gelände wird von bewaffneten Männern mit Masken belagert. Zu ihnen gesellen sich Mitglieder der russischen Bürgerwehr, kurzgeschorene Männer mit Jagdmessern am Gürtel und mit dem schlichten Plakat: "Die Krim ist unser."

Rüstem arbeitet in Simferopol, 30 Kilometer nordöstlich von Bachtschyssaraj, er baut Stromnetze für Kunden im ganzen Land, für Hausbesitzer, Hotels, Resorts. Bei den Patrouillen ist er in der zweiten Schicht. Nach der Arbeit schläft er, um eins bricht er auf. Seine Mutter Nuriye sagt, er ziehe sich dafür nie warm genug an.

"Wir hoffen sehr, dass hier so schnell keine Deportationszüge mehr anrollen", sagt sie. "Die Zeiten ändern sich doch, oder? Aber die Provokateure, die unsere Türen markieren, sind sehr schlau. Sie wissen genau, was 1944 passiert ist. Sie wissen, wie man diese Gesellschaft spaltet. Ich glaube, es wird hier nie wieder Ruhe und Vertrauen herrschen. Nun fragen wir uns bei jedem nicht-tatarischen Nachbarn: An wessen Seite wirst du stehen, wenn Männer in Springerstiefeln an unsere Tür klopfen?"