Tansania Die Illusion vom großen Aufbruch

China hat in den vergangenen Jahren den afrikanischen Markt erobert. Doch jetzt wächst die Wut der Menschen auf importierte Billigware, die immer mehr wird.

Von Tobias Zick, Daressalam

Es geht nur schleichend voran in dem Gedränge. Die Straße, die nach Kariakoo führt, in eines der größten Marktviertel in Ostafrika, ist noch enger als sonst. Zum einen wegen der gigantischen Baustelle; die Weltbank lässt hier ein Schnellbus-Terminal bauen, um die Verkehrsnot von Tansanias Metropole zu lindern. Zum anderen, weil der verbliebene Platz auf dem Boden immer enger bedeckt ist mit Laken, auf die Händler ihre Ware stapeln: bergeweise Schuhe, Jeans, Blusen. "Das chinesische Billigzeug ist überall", sagt Fredy Mugunda, 23, während er um einen der improvisierten Verkaufsstände balanciert. Der junge Mann mit den Rastazöpfen führt den Besucher durch immer kleinere Straßen, immer dichteres Gedrängel, bis er eine kleine Ladenpassage im Erdgeschoss eines mehrstöckigen Wohnhauses betritt. Darin plötzlich: Stille. "Zu uns verirrt sich kaum noch ein Kunde", sagt er.

Fredy Mugunda kam vor vier Jahren nach Daressalam, aus einem Dorf nahe der Hauptstadt Dodoma. Gleich nach der Schule ließ er das kleinbäuerliche Leben seiner Familie hinter sich, eröffnete einen kleinen Laden für Blusen, Röcke, Kleider. Es lief nicht schlecht am Anfang: Im ersten Jahr, 2011, machte er gut 2000 Euro Gewinn - genug, um sich ein Zimmer in der Nähe zu leisten und sich seiner Leidenschaft, der Musik, zu widmen, hin und wieder einen Termin im Studio zu buchen, mit seiner Band einen Hip-Hop-Song aufzunehmen. Der Bauernsohn Mugunda war auf dem besten Weg in die viel bejubelte, wachsende afrikanische Mittelschicht.

Doch sein Erfolg dauerte nur kurz. "Diese Bluse hier zum Beispiel", sagt er und hebt ein geblümtes Exemplar von dem Haken an der Wand: "Made in China. Aber gute Qualität." Er kauft sie beim Großhändler für 15 000 tansanische Schilling, gut sechs Euro, und bietet sie im Verkauf für 25 000 Schilling an, etwa zehn Euro. "Das lief eine Weile ziemlich gut", sagt er. "Bis die Billig-Konkurrenz kam." Inzwischen, sagt er, gebe es draußen auf der Straße Blusen im gleichen Design für 10 000 Schilling - aus schlechterem Stoff. Den meisten Kunden sei das egal: "Die Leute schauen halt vor allem auf den Preis", sagt er.

Willkommen in Afrika: Chinas Präsident Xi Jinping in Daressalam. Die Volksrepublik nutzt die Lücke, nachdem sich USA und Russland zurückgezogen haben.

(Foto: Khalfan Said/AP)

Immer mehr, immer billigere Ware, im Design oft schamlos von höherwertigen Produkten kopiert: Das ist es, was Fredy Mugunda und seine Kollegen hauptsächlich von der chinesisch-afrikanischen Partnerschaft mitbekommen. "Ich habe die Chinesen immer gemocht", sagt er. "Aber langsam wird es zu viel. Sie überrollen uns." Auch die Ladenmieten in Kariakoo werden immer teurer, weil chinesische Händler zunehmend selber Geschäfte anmieten. "Und man sieht inzwischen manchmal sogar Chinesen, die Eis oder geröstete Maiskolben verkaufen."

China in Afrika, das ist die Geschichte eines ganz großen Aufbruchs, der zunächst als großer Gewinn für beide Seiten galt. Es begann kurz vor der Jahrtausendwende; China hatte Afrika als Projektionsfläche für die eigenen Wachstumspläne entdeckt und fragte auch nicht nach Menschenrechten: Es gab reichlich Rohstoffe für die heimische Industrie, zudem riesige ungenutzte, aber bestens für Landwirtschaft taugliche Flächen - und nebenbei einen gewaltigen potenziellen Absatzmarkt für chinesische Massenprodukte aller Art. In Afrika wurden die Avancen aus Peking begrüßt, zumal China in eine Lücke stieß: Die USA und die Sowjetunion hatten sich nach dem Ende des Kalten Krieges aus Afrika weitgehend zurückgezogen. Seit Beginn des Jahrtausends hat sich das Handelsvolumen zwischen China und Afrika verzwanzigfacht, auf 220 Milliarden US-Dollar. Dass US-Präsident Barack Obama sich dieser Tage nach langer Abwesenheit in Afrika blicken lässt, zuerst in Kenia, dann in Äthiopien, dürfte auch der Sorge geschuldet sein, gegenüber der chinesischen Konkurrenz an Einfluss auf dem Kontinent zu verlieren.

Mit Geld aus Peking werden quer über den Kontinent Containerhäfen gebaut, Eisenbahnlinien, Krankenhäuser, Fußballstadien und Ölraffinerien. Im Gegenzug importiert China beispielsweise Öl aus dem Südsudan, Kohle aus Südafrika und Kupfer aus Sambia. Welchen Stellenwert die Beziehungen für beide Seiten haben, veranschaulicht ein Besuch in Addis Abeba, Hauptstadt Äthiopiens und Sitz der Afrikanischen Union (AU): Deren Hauptquartier, ein raumschiffartiger Konferenzbau, überragt von einem angedockten Wolkenkratzer, wurde mit mehr als 150 Millionen Euro komplett von Chinas Regierung finanziert. Der Gebäudekomplex, so erklärte bei der Einweihung im Januar 2012 der Leiter der chinesischen Delegation, "spricht Bände über unsere Freundschaft zu den Menschen Afrikas und bezeugt unsere starke Entschlossenheit, die Entwicklung Afrikas zu unterstützen". Der damalige Vorsitzende der Afrikanischen Union, der Machthaber der kleinen Öldiktatur Äquatorialguinea, Teodoro Obiang Nguema, pries im Gegenzug den Bau als "eine Reflexion des neuen Afrika".

220 Milliarden Dollar

Das Handelsvolumen zwischen China und Afrika hat sich in den vergangenen 15 Jahren verzwanzigfacht. Peking baut Häfen, Bahnlinien und Krankenhäuser und importiert Öl, Kupfer und Kohle. Bis 2009 waren noch die USA der größte Handelspartner Afrikas - inzwischen liegen die Amerikaner weit abgeschlagen. Präsident Obama hat anlässlich seiner Kenia-Reise jetzt angekündigt, die Beziehungen in eine "neue Dimension" zu führen.

Doch immer wieder mischte sich Skepsis in die Euphorie. Der damalige Direktor der nigerianischen Zentralbank, Lamido Sanusi, klagte 2013: "China nimmt unsere Primärgüter und verkauft uns fertige Produkte. Das war auch das Wesen des Kolonialismus." In Nigeria hatten zuvor mehrere Hundert Textilfabriken schließen müssen, weil sie nicht mit der billigen Importware aus China konkurrieren konnten.

Trotzdem ist die Wahrnehmung der Chinesen in Afrika noch überwiegend freundlich. Umfragen des Washingtoner Pew Research Center zufolge bewerten in den meisten Ländern Afrikas weit mehr als die Hälfte der Bürger die Beziehungen zu China positiv - wenn auch mit sinkender Tendenz. In Tansania stimmten 2007 noch 75 Prozent der Befragten der Aussage zu: "Chinas Wirtschaftswachstum ist gut für unser Land." 2014 waren es nur 66 Prozent.

Immer weniger Afrikaner denken, dass Chinas Wachstum gut für sie ist

Mugunda hat zuletzt überwiegend Songs über Liebe und Freundschaft komponiert, aber das Lied, das er jetzt schreibt, enthält im Refrain eine auf Swahili gerappte Botschaft an die tansanische Regierung: "Helft uns. Die Chinesen kamen doch nach Kariakoo, um Big Business zu treiben. Nicht, um unsere Jobs zu übernehmen."

Der chinesische Botschafter in Daressalam, Lu Youqing, sagt der Süddeutschen Zeitung, er könne die Sorgen tansanischer Händler durchaus verstehen - zumal Tansania gerade unter einer Abwertung seiner Währung leide. Man unterstütze die tansanische Regierung dabei, die Einfuhr minderwertiger Ware zu unterbinden, zudem sei er selber entschlossen, dem Land dabei zu helfen, langfristig weniger zu importieren und mehr zu exportieren: "Wir unternehmen große Anstrengungen, um Tansania auf dem Weg zur Industrialisierung zu unterstützen." So werde China in Zukunft verstärkt arbeitsintensive Industrien nach Tansania verlegen und so Jobs schaffen.

An Mugunda hat er einen ganz praktischen Rat: Er müsse sein Angebot besser der Nachfrage anpassen. Und vielleicht finde er ja chinesische Freunde, mit denen er sich zu Geschäftspartnern zusammenschließen kann, "so, wie erfolgreiche Chinesen ihrerseits vor dreißig Jahren viel von Amerikanern und Europäern gelernt haben." Wenn der junge Mann diese Ratschläge beherzige, so der Botschafter, sollte ihn auf seinem Weg zu Wohlstand nichts mehr aufhalten können.