Live-Reportage "Ich sehe die Traurigkeit in den Gesichtern" - die 24 Stunden nach der Wahl

Duisburg gilt als SPD-Hochburg, sein Stadtteil Marxloh als sozialer Brennpunkt.

(Foto: REUTERS)

Was denken die Deutschen über das Wahlergebnis? Auf dem Oktoberfest, in Duisburg-Marxloh, an einer Hamburger Schule und in Bitterfeld? Unsere Live-Reportage fängt in der ganzen Republik die Stimmung am Tag nach der Wahl ein.

Von SZ-Autoren

Seit Sonntagabend 18 Uhr steht fest: Die Politik in Deutschland hat sich grundlegend verändert. Aber während in den Parteizentralen, Fernsehstudios und Redaktionen die politische Landkarte neu vermessen wird, geht das Leben weiter. Die Menschen arbeiten, feiern, lernen. Wir wollten wissen: Wie fühlt sich Deutschland nach der Wahl? Zehn SZ-Reporter sind in den 24 Stunden danach in der ganzen Republik unterwegs, um das herauszufinden. Ihre Eindrücke beschreiben sie in dieser Live-Reportage.

Ausklang in Bitterfeld-Wolfen

"Das muss man gesehen haben", sagt Werner Rienäcker voller Begeisterung. Ein paar Schritte nur, dann fällt der Blick auf die Goitzsche. Wo einst ein riesiger Braunkohletagebau im Boden klaffte, ist ein riesiges Erholungsgebiet entstanden, mit einem kleinen Hafen. Dort unten an der Anlegestelle liegt das kleine Segelboot von Rienäcker. Hier im Hafen von Bitterfeld-Wolfen ist der 64-jährige Rentner am liebsten. Hier war er vor der Wahl und hierher kommt er auch nach der Wahl bei gutem Wetter gerne.

Wie kann man unzufrieden sein in diesem Land? In dieser Stadt, bei diesem Anblick? Das fragt Rienäcker sich seit Jahren. Die Stadt Bitterfeld-Wolfen, in Sachsen-Anhalt gelegen, gilt als eine der AfD-Hochburgen. Bei der Wahl stimmten immerhin 22 Prozent für die Rechtspopulisten. Natürlich, er mache sich auch so seine Gedanken über die Flüchtlingskrise, wolle auch nicht, dass jeder ins Land gelangt, sagt der Rentner. Aber deswegen gleich AfD wählen? Das würde Rienäcker nicht in den Sinn kommen.

Aus seiner Sicht bietet diese Partei keine Lösungen an, sondern zeige sich überfordert von der politischen Arbeit. Das sehe man doch im Landtag. Rienäcker ist bekennender FDP-Wähler, war er schon immer.

Mit dem Einzug der Liberalen hatte er gerechnet, nicht aber mit diesem Ergebnis. Zehn Prozent! Das war schon ein Grund, anzustoßen. Rienäcker ist froh, dass die große Koalition nun Geschichte ist. "Da wurde nur noch reagiert, nicht regiert", sagt er. Jetzt hofft er auf Jamaika. Von Antonie Rietzschel

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Montagnachmittag in Duisburg-Marxloh

Vier Hände schalten gleichzeitig auf Abwehr, wedeln mit erhobenem Zeigefinger durch die Luft. "Nein, keine Politik", mahnt der ältere der Türken am Tisch, "das gibt nur Ärger!" Die beiden Männer sitzen draußen hinter der Merkez-Moschee in Duisburg-Marxloh. Sie trinken Tee, reden, wollen ihre Ruhe. Drinnen im Café dieselbe Reaktion. "Nix" habe man zur Wahl, zu Merkel oder Schulz zu sagen. "Gar nix", wiederholt der Mann mit dem grauen Schnauzer im blauen Jackett, "das ist Sache von Euch Deutschen." Seine drei Kumpel am Tisch nicken. Und schweigen. Nur das Ergebnis der AfD, die in manchen Wahllokalen hier im Duisburger Norden auf 25 bis 30 Prozent kam, lockert dem jungen Kerl mit der weißen Baseball-Kappe die Zunge: "Ist doch normal hier", sagt er, ehe er unter den strafenden Blicken seiner Landsleute wieder verstummt.

Die Muslime hier wollen nicht reden. Denn sie hätten, so erzählt einer anonym, so ihre Erfahrungen gemacht: Nach dem Referendum im April, als viele Türken in Deutschland für die umstrittene Verfassungsreform von Präsident Recep Tayyip Erdoğan gestimmt hatten, hätten tagelang Journalisten auf dem Parkplatz an der Warbruckstraße gestanden und "böse Fragen" gestellt. Die Moschee gehört zum Ditib-Verband, der wiederum dem Präsidium für Religiöse Angelegenheiten in der Türkei untersteht. "Wenn ich wähle, wähle ich Erdogan" sagt draußen vor dem Eingang ein Muslim.

Marxloh gilt als "sozialer Brennpunkt", drei Fünftel der knapp 20 000 Bewohner sind "Menschen mit Migrationshintergrund". Türken leben hier seit Jahrzehnten, die meisten Kebap-Buden, Pizza-Shops, Brautkleid-Geschäfte oder Gemüseläden auf der Weseler Straße, der Verkehrsader durchs Viertel, gehören ihnen. Dann kamen die Bulgaren und Rumänen, die Roma und Sinti, zuletzt die Syrer.

"Seit zwei, drei Jahren wird mehr geklaut", bezeugt der türkische Einzelhändler hinter der Kasse im Eckladen. Jetzt hängen Videokameras unter der Decke. Auch er redet nur namenlos. Die Wahl? "Ich weiß nichts - hat Merkel gewonnen?" Aha. Sein Gesicht verfinstert sich: "Und was ist mit den Rechten?" Die Nachricht von 13 Prozent im gesamten Land wie in seiner Heimatstadt Duisburg erschreckt ihn: "Das heißt: Deutschland bleibt Deutschland und Ausländer raus?"

Der Erfolg der AfD schürt Sorgen, bei den Türken wie unter Muslimen. Wenngleich viele die Gründe verstehen. "Die Leute sind nicht rechts - die sind sauer", glaubt Mustafa Kurt, "ich versteh' die." Er steht auf dem Johannismarkt, hilft bei einer Autoreparatur. Der 47-jährige Sohn türkischer Einwanderer hat längst einen deutschen Pass. Der Muslim hat SPD gewählt, obwohl er glaubt, "dass die Merkel vielleicht die Einzige ist, die die deutschen Probleme lösen kann." Kurt schult gerade um, er will Altenpfleger werden. "Ich rede viel mit den Menschen", sagt er, es sei die Hoffnungslosigkeit, die der AfD die Wähler zutreibe: "Ich sehe die Traurigkeit in den Gesichtern - bei allen, bei Türken und Deutschen." Seit Jahren, so sagt Kurt, ändere sich nichts in Marxloh: "Zu viele Arme, zu wenig Jobs." Kein Wunder, das da niemand mehr an die Politik glaube: "Ich auch nicht." Von Christian Wernicke