Von Karin Gothe

Eine Heimat in der Religion: Wie die zweite Generation der Einwanderer in der Fremde den Islam entdeckt

Heute stand ein Sarg auf der Terrasse. Ganz schlicht, bedeckt mit einem grünschwarzen Tuch, darauf ein Koranvers. Der Imam rief zur Andacht, die Kinder hörten auf zu spielen. Die Männer blickten in Richtung Mekka, hielten die Handflächen nach oben und gaben dem Toten das letzte Gebet auf den Weg. Eine lange Reise, aus Berlin zurück nach Istanbul. Die Moschee auf dem islamischen Friedhof am Columbiadamm war die vorletzte Station.

Gläubige Moslems bei der Einweihung der Yavus-Sultan-Selim-Moschee in Mannheim (© )

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Drei Millionen Moslems leben in Deutschland, viele haben fast ihr ganzes Leben hier verbracht. Doch wenn sie sterben, werden sie meist im Land ihrer Geburt begraben. Dort, wo manchmal noch die Familien wohnen und wo, wie sie früher sagten, ihre Heimat ist. Wenn man das noch so genau wüsste mit der Heimat. "Was soll ich denn in Izmir?", fragt Fatme. Ihre sechs Kinder leben in Berlin, ihre Mutter liegt hier begraben, nicht in der Türkei. Liebevoll hat Fatme Nadelzweige auf dem Stein arrangiert, darin eingeritzt die Aufforderung, für die Verstorbene die Fatiha, die Eröffnungssure aus dem Koran, zu beten. 1964 ist Fatme nach West-Berlin gekommen, hat bei AEG gearbeitet, für die Kinder gesorgt und auch für den Mann, der selten Arbeit hatte. Sie war zwölf, als er sie heiratete, und 48, als er starb. Jetzt sei sie frei, sagt sie. Fatme sagt, "natürlich glaube ich an Gott", sie trägt kein Kopftuch und geht selten in die Moschee. Sie spendet lieber Geld für die Armen. Einmal in der Woche geht sie zum Grab der Mutter.

Die Prediger aus Anatolien

Moos hat die Inschriften vieler Grabsteine unkenntlich, die Zeit die Steine rund gemacht. Muslimische Gräber dürfen nicht eingeebnet werden, so will es die Tradition. Aber nur auf wenigen Friedhöfen in Deutschland haben die Toten das Privileg der ewigen Ruhe. Wenn man Platz braucht, um, wie in Berlin, die größte Moschee Deutschlands zu bauen, werden die Gräber trotzdem eingeebnet. Mustafa schaufelt Sand und Wasser in die lärmende Zementmaschine. Mehr als zwei Jahrzehnte hat er im Stahlbau gearbeitet, jetzt ist er Frührentner. Der leise, kalte Regen macht ihm nichts. Eine prächtige Moschee soll es werden, mit einer Kuppel, zwei Minaretten, drei Etagen. Der Islam, sagt Mustafa, "kommt endlich raus aus den Hinterhöfen".

Platz für 5000 Gläubige soll sie bieten. Die Alten mit den schlechten, abgearbeiteten Rücken sitzen in der kleinen Teestube und dürfen sich aufwärmen. Sie reden und warten, dass die Zeit vergeht. Zwei oder drei sitzen nebenan auf dem Teppich und lesen den Koran. Die meisten hier können das nicht, sie sprechen so wenig Arabisch wie Deutsch. Islamgelehrte müssen ihnen erklären, was in dem heiligen Buch steht, das Gott dem Propheten in arabischen Versen mitgeteilt hat. Die Gläubigen rezitieren die Suren, ohne sie zu verstehen. Aber darauf kommt es ihnen auch nicht an. Sie halten sich an die Tradition und an die Grundsätze, die das Leben eines Moslems bestimmen: Fünfmal am Tag möglichst in Gemeinschaft zu beten, Almosen zu geben, im Ramadan zu fasten, und wenn möglich, einmal im Leben nach Mekka zu pilgern. Auch das Glaubensbekenntnis ist arabisch, La illah illallah, es gibt keinen Gott außer Gott, wa Muhammad rasulullah, und Mohammed ist sein Prophet.

Mehrmals wurde der Baubeginn für die Moschee am Columbiadamm verschoben. Es gab Streit um die Höhe der Minarette - 43 Meter seien einfach zu hoch, fanden die Behörden - und um die Einrichtung eines Supermarktes auf dem Gelände. Seit wann kann man auf einem Friedhof einkaufen, hieß es. Darf der Muezzin zum Gebet rufen und wie laut?

Es sind Probleme, die bei fast allen deutschen Moscheebauten auftauchten, in Hamburg, Freimann oder Hockenheim. Bauherr ist oft die Türkisch-Islamische Union (Ditib), ein halbstaatliches religiöses Institut in Ankara, das den zahlreichen kleinen Moscheevereinen, die es in fast jeder deutschen Stadt gibt, auf Wunsch auch religiöse Lehrer und Vorbeter, die Imame, schickt. 75 Prozent der Moslems in Deutschland kommen aus der Türkei, und Ditib sorgt dafür, dass sie im Ausland ihre Kultur nicht vergessen. Die islamische - und die türkische. Von Integration ist selten die Rede.

Die meisten Imame sprechen nur Türkisch, und bevor sie begriffen haben, dass Nöte und Sorgen ihrer Gemeinde ganz andere sind als in einem anatolischen Dorf, müssen sie zurück in die Türkei. Die deutschen Behörden waren bislang meist dankbar, in Ditib einen halboffiziellen Ansprechpartner zu haben. Doch gilt auch diese Organisation inzwischen als von islamischen Fundamentalisten unterwandert. Und was die Imame predigen, dringt selten nach draußen.

Fast wie ein Zuhause

Vergesst die Religion und die Heimat nicht! Den meisten fällt das nicht schwer. Sie erzählen von Fabrikarbeit, von der Kälte, dass sie den Anschluss verloren haben zu Hause in Anatolien und hier nicht heimisch sind, dass man sie dort beneidet und hier bemitleidet. Dass die Kinder ihr eigenes Leben führen und sich nichts mehr sagen lassen. Aber Deutschland ist gut, sagen sie, die Versicherungen und die Rente, die Versorgung und auch die Politik. Zum Glück gibt es auch hier den türkischen Bäcker, den Metzger, der nach islamischer Tradition schächtet. Fast wie ein zu Hause.

Es sind dieselben Geschichten in Berlin, München oder Mannheim. Dieselbe Suche nach Heimat und Geborgenheit in der Religion. Hunderte haben im Ramadan in der Mannheimer Yavuz Sultan Selim Moschee täglich zusammen das Fasten unterbrochen, bei Einbruch der Dunkelheit, wenn, wie es heißt, ein schwarzer Faden nicht mehr von einem weißen zu unterscheiden ist. Die Mannheimer Moslems sind stolz auf die Moschee, die sie mit ihren eigenen Händen gebaut haben. Zeigen den Besuchern die Minbar, die Kanzel aus hellem Holz und Gold, von der freitags die Predigt gehalten wird, die Koranverse, die als kunstvolle Kalligrafien an den Wänden hängen - "Er ist Gott, ein Einziger, Gott, der Souveräne".

Dutzende Besucher kommen jede Woche zur Besichtigung. Bekir Alboga, einer der Leiter des "Instituts für Deutsch-Türkische Integrationsstudien", das der Moschee angegliedert ist, macht den Islam für sie greifbar, erzählt vom Leben des Propheten Mohammed, Anfang des siebten Jahrhunderts, als Glaube und Politik noch eins waren. Damals war es leicht, nach dem islamischen Recht zu leben, nach der Scharia. Eiferer in Saudi-Arabien, in Iran oder in Afghanistan versuchen heute, mit Gewalt die Zeit zurückzudrehen - auch in Deutschland, so wie die Gruppe des kürzlich wegen Anstiftung zum Mord verurteilten "Kalifen von Köln".

Das sind nur Splittergruppen, aber auch Alboga sagt, zu Zeiten Mohammeds sei vieles besser gewesen, "selbstverständlich nur spirituell". Alboga hat Islamwissenschaften in Deutschland studiert. Er gehört zu jener zweiten Einwanderergeneration, deren Religiosität erst hier erwachte oder eine neue Bedeutung erfuhr. Er weiß, was die Deutschen hören wollen. Schwärmt von gemeinsamen Friedensgebeten in der Kirche, vom christlich-islamisch-jüdischen Dialog. Doch Frauen sieht man selten in der Moschee, Deutsch sprechen nur die Touristen, und die alten Männer mit den Strickmützen lächeln nur und schweigen.

"Symbolik ohne Inhalt", urteilt Reiner Albert, "das Projekt vom interkulturellen Dialog ist gescheitert". Der Mannheimer Politikwissenschaftler wirft der Moscheeleitung vor, sich abzuschotten, fundamentalistische Ideen zu nähren, sich aus der Türkei steuern zu lassen. Er wollte die "gläserne Moschee", kämpfte für Integration, für Islamunterricht in deutscher Sprache. Man beschimpfte und boykottierte ihn. Aus Protest ist er aus dem Institut ausgestiegen, das die Moschee einst zum Vorzeigeprojekt machen sollte. "Ach", sagt Helmut Schmitt, der Ausländerbeauftragte der Stadt Mannheim, "die Probleme werden doch nur unnötig aufgebauscht. Mit der Zeit wird sich alles regeln. " Er hofft auf friedliche Koexistenz, "das Wort Ghetto kann ich nicht mehr hören".

Ein Himmel ohne Wolken

Aber viele leben im Ghetto, sagt Ays¸e Schneider, und sie haben nie den Weg herausgefunden. Es helfe, kein Kopftuch zu tragen, modern zu leben und die gleiche Sprache zu sprechen. Aber es reiche nicht. Es reiche nie. Die Sozialberaterin kam als junges Mädchen aus der Türkei nach Deutschland, den Kopf voller Pläne und Ideen. Sie weiß noch, was für ein Gefühl es war, als sie mit dem Bus über die Grenze fuhren, sie wollte spüren, wie es ist, einen anderen Boden zu betreten. Heute lebt sie allein mit ihrer Mutter und ihrem 17-jährigen Sohn aus der Ehe mit einem Deutschen in einem Münchner Hochhaus. "Ich lebe gerne hier", sagt sie, "und ich liebe meinen Beruf, aber wirklich aufgehoben fühle ich mich hier nicht. " Wie soll sie da ihrem Sohn Geborgenheit vermitteln? Er ist hin- und hergerissen zwischen seiner türkischen und der deutschen Identität, zwischen Islam und Atheismus. Sie selbst hat es schon früh aufgegeben, in den Traditionen der Religion Zuflucht zu suchen. Wie viele, sehr viele moderne Moslems sagt sie auch: "Mein Glaube ist eine Angelegenheit nur zwischen mir und Gott. "

Sie gibt jungen Türkinnen Deutsch-Unterricht und Ratschläge, lacht mit ihnen über ihre Männer, die sich so gerne wie Paschas aufführen. Manchmal sei sie sehr müde, vom vielen Reden, von den Enttäuschungen. Aber zurück in die Türkei? Eines Tages vielleicht, sagt sie, aber nicht, weil es die Türkei ist. Sie vermisse das Meer und die Luft, die so klar ist, dieses Blau und vor allem den Himmel, diesen Himmel ohne Wolken.

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