Von Jeanne Rubner

Der Anteil ausländischer Jugendlicher ohne Schulabschluss und Berufsausbildung wächst - die Sprachförderung wird immer wichtiger.

Essen, im Dezember - Hakan rutscht auf dem Stuhl herum, flüstert seinem Nachbarn auf Türkisch etwas zu. Immer wieder schießt sein Finger in die Höhe. Jetzt kann er sich nicht mehr zurückhalten. "Rot", ruft der Siebenjährige, "rot muss Apollo sein. " Die Lehrerin lobt ihn, obwohl man ihr ansieht, dass Hakans Aufdringlichkeit sie ein wenig nervt. Doch hier, in der Klasse F1 der Bergschule am Nordrand von Essen, ist jeder noch so kleine Fortschritt ein Lob wert - und wenn es auch nur ein richtiges deutsches Wort, die richtige Farbe ist, mit der die Kinder den Hund Apollo anmalen sollen.

Oft können Kinder von Einwanderen kein Deutsch. In peziellen Förderklassen lernen sie die Sprache. (© )

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F steht für Förderklasse und in ihr sitzen Kinder, deren Deutschkenntnisse nicht ausreichen, um dem normalen Unterricht zu folgen. In der Bergschule sind das 15 von 60 Erstklässlern. 40 Prozent aller Schüler haben einen ausländischen Pass, und das ist noch eine niedrige Quote, denn die Bergschule ist eine katholische Einrichtung. Ein paar Schritte weiter, in der Herbartschule - wo Religionsunterricht keine Pflicht ist - beträgt die Ausländerquote 95 Prozent. Gleich dahinter, im Schatten des still gelegten Förderturms, reihen sich die Zechenhäuschen aneinander, vor den Gardinen Krimskrams, in den Gärten die Wäsche auf der Leine. Richtig deutsch also, wären da nicht die vielen Frauen mit Kopftüchern. Die Straßenzüge am Katernberg sind längst türkisch geworden.

Im Dickicht der Argumente

Ausländer der zweiten und dritten Generation leben hier. Doch anders als vor zehn Jahren noch vermutet, gerät die Integration ins Stocken. Bis Anfang der 90er Jahre wuchs der Anteil der ausländischen Jugendlichen mit Schulabschlüssen stetig, eine Entwicklung die sich - vor allem in der Berufsausbildung - seit 1992 nicht fortsetzt. So steht es im neuesten Bericht der Ausländerbeauftragten der Bundesregierung. Jugendliche aus der Türkei, aus Griechenland oder dem früheren Jugoslawien tun sich schwer, Lehrstellen zu finden. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung rechnet bis 2010 mit 660 000 ausländischen Jugendlichen ohne Abschluss. Bei der Ursachenforschung gerät man schnell in ein Dickicht von Argumenten und Gründen. "Mangelnde Förderung" werfen Ausländerbeauftragte gerne den Politikern vor. "Mangelnder Integrationswille der Eltern" kontern diese. "Man müsste fast jeden Fall getrennt untersuchen", sagt Rudolf Wenzel. Er ist Rektor der Albert-Schweitzer-Hauptschule in München-Neuperlach, wo triste Betonbauten die Schule umrahmen. "Manche Eltern schotten die Kinder ab", sagt der engagierte Pädagoge, "wir können den Kindern zwar Deutsch beibringen - aber wichtig ist doch auch, wo sie ihre Freizeit verbringen. "

Fest steht: Wenn deutsche Realschüler sich schon um Lehrstellen prügeln, geraten Ausländer rasch ins Hintertreffen. Auch haben sich durch den "Heirats-Migrations-Effekt" die Sprachkenntnisse der Kinder verschlechtert. Denn vielen von den in Deutschland aufgewachsenen Männern sind die jungen Deutsch-Türkinnen zu freizügig; sie holen sich ihre Frauen lieber aus der Heimat oder lassen Hochzeiten von Verwandten arrangieren. Und wenn sich auch, so eine Umfrage des Essener Zentrums für Türkeistudien, immer mehr Türken sich in Deutschland zuhause fühlen, die Satellitenschüsseln bleiben auf Istanbul gerichtet; Mütter und Großmütter sprechen nicht ausreichend Deutsch; die Väter überlassen die Erziehung den Frauen. Die Folge ist die Ghettoisierung - siehe Berlin-Kreuzberg oder auch Katernberg in Essen, wo man vom Reisebüro bis zum Lebensmittelladen alle Geschäfte auch auf Türkisch erledigen kann.

Und so kommt es, dass Kinder in die Schule kommen, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Kinder, deren Eltern Anne Bronst schon unterrichtet hat. Die sympathische Mittfünfzigerin ist seit 25 Jahren an der Essener Bergschule, die sie seit 13 Jahren leitet. Noch immer unterrichtet sie mit Begeisterung, die neuere Entwicklung verfolgt sie aber mit Sorge, weiß sie doch, dass ohne ausreichende Sprachkenntnisse ihre Schützlinge keine Chance in der Arbeitswelt haben.

Dass die deutsche Sprache der wesentliche Baustein für die Integration ist, darüber sind sich so ziemlich alle einig, ob sie nun eine deutsche Leitkultur oder Multikulti favorisieren. Wie aber sollen ausländische Kinder am besten Deutsch lernen? Einen Konsens gibt es nicht, statt dessen löst ein Modellversuch den anderen ab, zumal die Länder bestimmen, was an den Schulen passiert. "Vor 25 Jahren gab es schon einmal Förderklassen wie der Modellversuch der F1", erzählt Anne Bronst. Doch Eltern wehrten sich bald dagegen, weil sie nicht wollten, dass ihre Kinder ein zusätzliches Jahr die Schulbank drückten. Später feierte man das "Nürnberger Modell" als Erfolg, das Kinder in die Regelklassen schickte und sie parallel dazu sprachlich förderte. Davon ist man wieder abgekommen, denn die Formel Regelschule plus Förderunterricht hat sich zunehmend als Flickwerk erwiesen. Bei den Kindern häufen sich Wissenslücken an, weil sie von Anfang an dem Unterricht nicht richtig folgen können. Wer Deutsch nur bruchstückhaft versteht, kann eben auch keine Textaufgabe lösen, selbst wenn er die Rechenschritte kapiert.

Zweisprachigkeit - ein Politikum

Jetzt also wieder Förderklassen für die Kleinen, zumindest im Modellversuch in Nordrhein-Westfalen. "Das soll ihnen ein solides Fundament geben", hofft Bronst, "wir können sie schließlich nicht durchs ganze Schulleben mit einem Ausländerbonus schleppen", ist die Pädagogin überzeugt. Das andere Konzept ist der bilinguale Unterricht, der sich vor allem dort anbietet, wo ethnische Gruppen sich ballen, etwa am Katernberg. "Kilim", sagt der türkische Lehrer. "Kilim" sprechen die Kinder nach. Doch zugleich müssen sie das Wort Teppich memorieren, das ihnen der deutsche Kollege vorsagt. Die Möhre heißt hier auch havuç und das Fenster pencere.

Der zweisprachige Unterricht ist freilich ein Politikum, wie die Debatte im Einwanderungsland Kalifornien gezeigt hat - und könnte auch hier noch zum Streitpunkt werden. Im Golden State optierten Wähler nach einer massiven Kampagne 1998 dafür, Spanisch wieder aus den Klassenzimmern zu verbannen, teilweise aus Angst, dass Englisch verdrängt würde. Für die Mehrzahl der Sprachexperten steht aber fest, dass die Kinder durch bilingualen Unterricht in ihrem Selbstwertgefühl gestärkt und zudem mehrsprachig würden; auch ließe sich mit einem muttersprachlichen Fundament das Deutsch besser erlernen. "Bei Englisch halten wir es auch für attraktiv, das zu können", sagt Yasemin Karakasoglu-Aylin, Wissenschaftlerin in der Arbeitsgruppe "Interkulturelle Pädagogik" an der Uni Essen. "Warum sollte das nicht für Türkisch gelten?"

Allerdings ist der bilinguale Unterricht sehr zeitaufwendig. So weiß Anne Bronst gar nicht, wie sie im nächsten Jahr mit einem begrenzten Kontingent an Förderunterricht das Modell weiterführen soll. An der beschränkten Stundenzahl krankt ohnehin die Förderung ausländischer Kinder, meint Mitra Sharifi. Modellprojekte würden zwar mit Enthusiasmus begonnen, nach ein paar Jahren aber versickerten sie. Oder der Förderunterricht werde für andere Stunden verplant, kritisiert die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte Bayerns.

Im Grunde genommen könnte man sich den Streit um die beste Form des Grundschulunterrichtes sparen, wenn die Förderung früher begänne. Denn, so sind sich die Experten einig, die Kinder müssen bereits im Kindergarten Deutsch lernen. Und solange die Mütter nur türkisch sprechen, bremsen sie die Integration ihrer Kinder. Über den Hügel, unweit der Berg- und Herbartschule, steht das Schalthaus Beisen, eine still gelegte Zeche. Die Kindertagesstätte ist durch ihr "Rucksack"-Programm berühmt geworden: Nach dem Vorbild eines Projekts im holländischen Rotterdam erhalten hier die Mütter nachmittags Sprachunterricht. "Das steigert ihr Selbstwertgefühl enorm", freut sich die Leiterin Gisela Wehner-Böhme. "Die stellen sich auch mal zur Elternratswahl. " Die Mütter lernen auch, dass Kinder von Bilderbüchern profitieren können und dass sie zuhause Mensch-Ärgere-Dich-Nicht spielen sollen, einfach um auch mal verlieren zu lernen. Einige der Bergschul-Erstklässler waren im Schalthaus-Kindergarten, "das merkt man denen sofort an", sagt Rektorin Bronst. Der kleine Hakan gehört nicht zu den Privilegierten.

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