Alex gehörte zur Russenmafia, Memo aus Tunesien suchte sein Glück: Sie gehören zum Millionenheer der Ausländer, die in der Bundesrepublik untergetaucht sind
Alex ist 18 und hat kurze Haare, damit sich kein Gegner verkrallen kann. So, wie sie in Moskau die Männer trugen, die Alex auch heute noch respektvoll "Sportler" nennt, muskelbepackte Kerle, verehrt in der Familie, gefürchtet bei den Feinden. Familie. Wenn Alex von Familie spricht, meint er nicht das, was andere darunter verstehen. Russenmafia würde er nie sagen. Mafia ist Italien, Russland ist anders, aber das versteht keiner, der das nicht erlebt hat.
Anzeige
Memo ist 25 und hat lange Locken, große dunkle Augen, eine Hautfarbe, die vom Mittelmeer erzählt, eine sanfte Stimme mit französischem Akzent - ein Herzensbrecher, der in die große weite Welt zog, weil ihm die Banlieue von Tunis zu eng geworden war. Und weil er seinem Vater zeigen wollte, dass er mehr kann als sein Bruder, der in Marokko studierte - dem Vater, der das Jahr über in Saudi-Arabien schuftete, damit es die Kinder einmal besser haben sollten als er.
Unterschiedlicher können Menschen kaum sein. Der Grund, warum wir uns ihre Geschichte erzählen lassen, ohne den genauen Namen preiszugeben, eint sie: Alex und Memo leben ohne Aufenthaltsgenehmigung in Berlin, der Hauptstadt der Illegalen - ohne gültigen Pass und offiziellen Wohnsitz, ohne Krankenversicherung und was sonst zum bürgerlichen Leben gehört. Sie sind polizeilich verboten und behördlich nicht vorgesehen; schon ihre nackte Existenz ist ein Gesetzverstoß. Hunderttausend könnte es in Berlin geben, schätzen die Wohlfahrtsverbände: Putzfrauen, Bauarbeiter und Prostituierte, Familien und Einzelgänger, Lebenskünstler und vom Leben Gezeichnete, Kriminelle und arme Schlucker.
Prügeln für die Familie
Zwei Geschichten also aus dem Bauch der Großstadt. Die von Alex beginnt mit blassen Erinnerungen an den Umzug nach Sibirien, wo der Vater, ein Soldat, von einem Bären getötet wird. Die Mutter ertränkt ihren Kummer in Wodka, kehrt nach Moskau zurück. "An meinem dreizehnten Geburtstag bin ich abgehauen", sagt Alex, als ginge es ums Brötchenholen. Mit Oleg, dem Freund, haust er in Kellern und Abbruchhäusern; sie stehlen, genießen die Freiheit. Bis sie erwischt werden von den Aufpassern der Mafia, die sie durchprügeln und dann aufnehmen in die Familie. Es gibt ein Bett, Kleider und eine Aufgabe: Schutzgeld kassieren auf dem Markt.
Das bringt viel Geld für 13-jährige Straßenkinder, und noch mehr, als sie dann aufsteigen und selber die Abkassierer kontrollieren. Zwei Stunden Arbeit am Tag, ab ins Fitness-Studio, abends in teuren Klamotten in die Disco, vielleicht ein Auto geknackt, und wenn die Miliz einen erwischt, genügt ein Anruf bei der Familie.
Ja, eine Familie. Wenn da nicht der Satz wäre: "Wir haben dir den Boden unter den Füßen gegeben, wir können ihn nehmen. " Inzwischen räumen sie Wohnungen aus, "nur reiche Leute", sagt Alex entschuldigend. Eines Tages ergibt eine Wohnung nicht die erwartete Beute. Ihr unterschlagt Geld, sagt der Boss, ihr schuldet mir was. Die Tschetschenen stören das mehr oder weniger geregelte Nebeneinander der russischen Familien, nun sollen sie einen tschetschenischen Mafiaboss terrorisieren. Bei helllichtem Tag zertrümmern sie sein Auto. Dann soll der Mann verprügelt werden. Jetzt wird es Alex mulmig - da sind Leibwächter, ein Himmelfahrtskommando. "Wir gehen nicht", sagt er, dann trifft ihn ein Pistolenknauf. Als er wieder aufwacht, ist er vogelfrei. Wir tun euch nichts, sagt der Boss sarkastisch. Aber die Tschetschenen wissen, wer ihr seid.
4000 Dollar haben die Freunde in der Tasche, in Polen bringt sie ein Taxifahrer über die Grenze. Ihr müsst ein Schönes-Wochenende-Ticket der Bahn kaufen, rät der Fahrer, doch wenige Schritte hinter der Grenze schnappt sie der Bundesgrenzschutz. Alex, der 15-Jährige, kommt in ein Kinderheim in einer sächsischen Kleinstadt. Merkwürdig kommen ihm die deutschen Jugendlichen vor, jedenfalls die, die noch nie Todesangst hatten und noch nie eine Wohnung aufbrachen.
Ein Zufall, dass er nach Deutschland kommt. Zufall auch für Memo. Er will sein Glück machen, und für 600 Mark gibt es ein Stipendium für einen Kursus in Berlin, der mit der Erlaubnis zum Studium im Land enden soll. Bald steht Memo in Berlin, dieser kalten Stadt, in der er kein Wort versteht, deren Lebensrhythmus ihm fremd ist. Dann die Geldnot. Für fünf Mark die Stunde renoviert er ein Hotel, Zimmer für Zimmer, in einem halbfertigen wohnt er. 18 Monate dauert der Kursus, er bekommt ein halbes Jahr Verlängerung. Doch dann ist da die Sache mit jener Frau, mit der er eine Zukunft aufbauen will und der das alles zu eng wird. Die Trennung wirft ihn aus der Bahn, die Prüfung ist futsch, die Aufenthaltsgenehmigung auch.
Es folgt eine wirre Zeit; Memo erzählt von vielen Frauen, bei denen er wohnt und doch nicht bleibt. Er stellt einen Antrag auf Asyl, erzählt eine Lügengeschichte von gefolterten Tanten und verschwundenen Onkels. Als er aus der Amtsstube kommt, heult er, so schämt er sich. Später, im Kreuzberger Café, wird er sagen: "Das war meine Lebenswende". Seine Rettung heißt Allah. Er geht in die Moschee und hält den Ramadan heilig, sagt heute: "Ich habe in Sünde gelebt". Legal macht ihn die Bekehrung aber nicht. Er schlägt sich durch mit diversen Jobs, schläft bei einem Bekannten, der mit Drogen handelt; dort klopft eines Morgens die Polizei an die Tür. Das einzige Papier, das Memo bei sich hat, ist sein falscher Asylantrag, längst abgelehnt. Er kommt in Abschiebehaft.
Der Berliner Abschiebeknast, ein ehemaliges DDR-Gefängnis, ist für Memo der Horror. Eingesperrt, ohne eine Straftat begangen zu haben - "ich habe mein ganzes Leben keine einzige Mark Sozialhilfe bezogen", betont er. Tunesien weigert sich, den jungen Mann mit der unglaubwürdigen Asylgeschichte zurückzunehmen. Zudem hat ein nur mäßig ortskundiger Beamter algerisch statt tunesisch als Staatsangehörigkeit geschrieben, nun fürchtet Memo, direkt im Bürgerkrieg zu landen. Aber auch in Algier kennt man niemanden mit der Vita des Asylantrags, also bleibt er in Haft, über Monate. "Ich verstehe, dass sich Menschen in Abschiebehaft umbringen", sagt er. Aus Verzweiflung weigert er sich irgendwann zu essen. 54 Kilo wiegt er noch, als er zusammenbricht, ins Krankenhaus kommt, ein haftunfähiger Niemand zwischen Deutschland, Algerien und Tunesien.
Alex erlebt im Kinderheim derweil eine Art Zivilisationsschub. Dass die deutschen Polizisten überhaupt nicht prügeln, wenn sie einen beim Stehlen erwischen, wundert ihn. Und dann die Schule. Die Augen des coolen Typen leuchten, wenn er erzählt, wie er im Rekordtempo Deutsch lernt und in Informatik mit Abstand der Beste ist. Immer wieder allerdings zieht es ihn aus der sächsischen Provinzstadt mit den vielen Rechtsradikalen nach Berlin, wo er Oleg wiedertrifft, seinen Fluchtgefährten, der Anschluss an eine neue "Familie" gefunden hat - aber nein, er möchte nicht mehr mitmachen.
Da kommt die Abschiebehaft wie ein Schlag. Er soll auf einmal zurück nach Russland, nächste Woche bist du da, sagt der eine Beamte im Gefängnis, und der andere: Wenn Du Pech hast, sitzt Du eineinhalb Jahre hier. Drei Monate bleibt er, bis er die Patres vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst kennen lernt, die feststellten, dass der Junge noch nicht volljährig ist und nicht abgeschoben werden kann; so kommt Alex zurück ins Heim in Sachsen. Aber was, wenn er volljährig ist? Eines Tages steht er bei den Jesuiten vor der Tür: Ich bin illegal in Berlin, ich will nicht zurück nach Moskau und nicht wieder in die Arme einer Familie in Berlin oder anderswo. "Das alte oder ein neues Leben, das war meine Wahl", sagt der schmale Junge und rührt im Kaffee.
Er hat Glück. Lässt sich immer mal wieder bei den Jesuiten blicken, die helfen, auch wenn sie sich rechtlich in einer Grauzone befinden. Lernt Deutsch mit der ihm eigenen Konsequenz - die deutsche Sprache ist meine Waffe, sagt er. Er spricht sie besser als die meisten russischen Spätaussiedler, so kann er sich herausreden, wenn er ohne Papiere in eine Polizeikontrolle kommt - als Russlanddeutscher geht er allemal durch. Der Rap ist ihm wichtig geworden, die Musik der schwarzen Ghettos, wo die Jungs vom Leben ganz unten singen und vom Traum vom menschenwürdigen Leben. Einen Job hat er, wie die meisten Illegalen, in einer Gärtnerei, acht Mark die Stunde, klar ist es Ausbeutung, aber er kommt zurecht. Die tiefste Änderung, sagt er, haben aber die Ordensleute bewegt: Da gibt es Menschen, für die Geld und Konsum, Macht und Muskeln nicht zählen - das hat ihn umgehauen. Erzählt mir von Euch, hat er sie bedrängt, erzählt, wie ihr die Welt seht, und hat jedes Wort aufgesogen wie ein Schwamm. Er liest jetzt ein Buch, das erste seines Lebens, eine Heiligenbiografie. Und seit einer Woche lebt er ohne Haschisch und Marihuana. "Ich werde es schaffen", sagt er, "Sie werden sehen. "
Eines Tages auftauchen
Auch Memos Leben ist geordneter geworden. Er hat sich einen Pass besorgt, einen französischen, ein guter gefälschter kostet 2000 Mark, einfache, die man beim Grenzübertritt von ferne hochhebt, sind billiger. Woher? Ein misstrauischer Blick: "Ich weiß nicht, ob ich Dir trauen kann. " Der Pass muss gut sein, gut genug jedenfalls, um sich damit eine Wohnung zu besorgen und eine Arbeit, 15 Mark die Stunde für Nachtarbeit in einem Restaurant, man kann jeden Tag entlassen werden, aber der Küchenchef ist wahrscheinlich froh ist, einen echten Franzosen zu beschäftigen. Den Frauen hat Memo entsagt, er betet, dass Gott ihm den rechten Weg weisen würde. "Ich hab so viel Scheiße gebaut", sagt er, und seine Reue klingt echt. Irgendwann will er das Doppelleben beenden, sagt er, allen Menschen erklären, woher er kommt und wer er ist, und nicht heimlich seinen wirklichen Geburtstag feiern, der nicht im Pass steht.
Irgendwann will er nicht mehr die Angst der Namenlosen haben vor jedem Polizisten und jedem Behördengang, vorm Krankwerden, weil im Krankenhaus der Schwindel auffliegen könnte, vor der Obdachlosigkeit, der Abschiebehaft. Wenn er es geschafft hat, will er auftauchen unter den Lebenden, den Menschen ohne Doppelexistenz. Wenn er voller Stolz sagen kann: Das bin ich, und das habe ich geleistet. Vielleicht sogar seinem Vater in Tunesien, so Gott will.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
Debatte um Militärintervention in Syrien