SZ-Serie "Schatzsuche" Im Land der Schoschonen

Der lange Kampf der Ureinwohner um ihr Territorium. Vor Gerichten streiten die Indianer um ein riesiges Gebiet im Nordwesten der USA, das ihnen einst vertraglich zugesichert worden war.

Von Wolfgang Koydl

Te Moak und seine Krieger staunten nicht schlecht über die Gastfreundschaft des weißen Mannes. Denn es war eigentlich nicht üblich, dass man ihnen ein Festmahl auftischte. Aber auch das Fleisch kannten sie nicht, das in den Töpfen dampfte. Doch die Gastgeber ließen sie nicht lange im Ungewissen:

Es war Menschenfleisch. Die Weißen hatten einen Indianer gefangen, gehängt und anschließend gekocht.

Man schrieb den 1. Oktober 1863. Der Westen war wild, das Leben eines Indianers galt nicht viel hier draußen in Nevada, und die Soldaten der US-Armee dürften sich köstlich amüsiert haben über ihren grausamen Scherz. Für die Schoschonen war es nicht die einzige Erniedrigung, die sie an jenem Tag erdulden mussten.

Sie waren einbestellt worden, um einen "Friedens- und Freundschaftsvertrag" mit der Regierung der Vereinigten Staaten zu unterzeichnen. Doch mit Freundschaft hatte das Abkommen wenig zu tun.

Es war eher ein Diktat der Unterwerfung. Bedingungslos mussten die Schoschonen ihre Jagdgründe Siedlern, Soldaten und Spekulanten öffnen. Der Präsident, der große weiße Vater in Washington, erhielt sogar das Recht, den Schoschonen ihre nomadische Lebensart zu verbieten - "wann immer er es als zweckdienlich für sie erachtet".

Nur eines gaben die Schoschonen nicht auf: ihr Land. Vielleicht war es ein Versehen der Anwälte, die das Papier aufsetzten, vielleicht dachten die Amerikaner sowieso nie daran, den Vertrag einzuhalten.

Tatsache aber ist, dass Artikel V des Vertrages von Ruby Valley penibel die Grenzen des schoschonischen Territoriums beschreibt - 90.000 Quadratkilometer von Idaho im Norden und Utah im Osten quer durch ganz Nevada bis kurz vor die heutigen Stadtgrenzen von Los Angeles im Süden; ein Territorium von der Größe Österreichs.

Und das Land blieb im Besitz der Ureinwohner. Sie verkauften es nicht, sie traten es nicht ab, sie wurden nicht enteignet. Damit sind die westlichen Schoschonen neben den Sioux und den Hopi die einzigen Indianer Nordamerikas, die heute noch Rechtsansprüche auf ihr traditionelles Siedlungsgebiet geltend machen können.

Ganz Amerika gehört den Weißen? "Nein, sie konnten ihren Landraub nicht beenden, denn für unser Land besitzen sie keine Grundbucheintragung", bekräftigt Lois Whitney.

Sie ist Aktivistin des in der Kleinstadt Elko im Norden Nevadas ansässigen "Western Shoshone Defense Project", einer Organisation, die politisch und juristisch für das Recht der West-Schoschonen auf ihren Grund und Boden kämpft.

Seit mehr als einem halben Jahrhundert zieht sich dieser Konflikt schon hin. Er hat die Justiz bis hinauf zum Obersten Gerichtshof beschäftigt, und inzwischen liegt auch dem Kongress in Washington ein Gesetzentwurf zur Entschädigung der Schoschonen vor.

Dass der Streit noch nicht beigelegt ist, liegt unter anderem daran, dass mehr auf dem Spiel steht als eine Wüstenei im Westen der USA. Denn es geht auch um die Geschichte eines großen Unrechts: des größten Landraubs in der Geschichte der Menschheit. "Wenn wir unseren Fall verlieren", meint die Schoschonin Carrie Dann, "dann wird dieser Diebstahl nachträglich legitimiert."

Land war von Anfang an der Magnet, der die Menschen nach Nordamerika zog. Anders als im engen Europa gab es hier unermessliche Territorien, die nur darauf warteten, urbar gemacht, bestellt, besiedelt, ausgebeutet zu werden.

Land für Rinder und Pferde; Land für Mais und Getreide; Land für Bergwerke, Eisenbahnen, Telegrafenleitungen und schließlich auch Land für Raketentestgelände und Atommüll-Endlager. Land - das war schon immer die Mutter aller Ressourcen, und in Amerika hat der weiße Mann es sich einfach genommen.

Das begann mit dem Erwerb von Manhattan für eine Handvoll Glasperlen und endete Jahrzehnte später an der Pazifikküste.

Der Kampf um den Rohstoff Land war von Anfang an ungleich. Wo sich die Weißen Ackerland und Weiden, Wälder und Wiesen nicht einfach mit Gewalt aneigneten, da verfielen sie auf Lug und Trug.

Mehr als 400 Verträge haben US-Regierungen mit indianischen Völkern geschlossen - und jeden gebrochen. Das erste solche Abkommen schlossen die USA nur zwei Jahre nach ihrer Unabhängigkeit 1778 mit den Lenape-Indianern in Delaware. Sie hätten sich die Mühe sparen können; drei Jahrzehnte später war dieses Volk ohnehin ausgerottet worden.

Das Muster wiederholte sich während des ganzen 19. Jahrhunderts: Indianer wurden vertrieben, dann sagte man ihnen neue Territorien zu, nur um sie erneut daraus zu vertreiben, wenn weiße Siedler, Rancher, Goldgräber und Industrielle begehrliche Blicke auch auf dieses Land warfen.

Heute leben die meisten Indianer Nordamerikas in entlegenen und verarmten Reservaten. Meist sind es Landstriche, die so unfruchtbar und arm sind, dass niemand sie haben wollte.

Nur die Schoschonen haben den Kampf um ihr Land nicht aufgegeben. Sie kämpfen mit den Waffen des weißen Mannes - mit Anwälten und Klageschriften, einstweiligen Verfügungen und Einsprüchen.

Ihr Fall füllt Regalmeter von Aktenordnern, er beschäftigte zahllose Anwälte. Aber es sieht so aus, als ob die amerikanische Gesellschaft, die amerikanische Regierung auch diesmal wieder obsiegen würden. Denn das einst wertlose Gelände in Nevada ist mittlerweile Gold wert - und zwar im Wortsinne.

Bis zu 50 Prozent allen amerikanischen Goldes wird auf schoschonischem Territorium gefördert. Zudem unterhalten die Streitkräfte dort große Stützpunkte, und auch Yucca Mountain, in dessen Stollen die USA ihren radioaktiven Abfall endlagern wollen, ist schoschonisches Land.

Die Geschichte des Konflikts begann Anfang der fünfziger Jahre, als der amerikanische Staat den West-Schoschonen aus heiterem Himmel Entschädigung für verlorenes Land anbot. Bis auf wenige Ausnahmen lehnten die Indianer die Offerte ab.

Denn der Boden, so argumentierten sie mit Blick auf den Vertrag von Ruby Valley, gehöre ihnen schließlich noch immer. Aber die Einwände fruchteten nichts: Im Jahre 1962 beschloss Washington einseitig, dass die Schoschonen ihr Land aufgrund "allmählicher Anmaßung durch Weiße, Siedler und andere" verloren hätten.

Der Staat bestimmte ein fiktives Datum für diesen Vorgang und eine ebenso fiktive Entschädigungssumme: den 1. Juli 1872 und kümmerliche 15 Cents pro Acre (4000 Quadratmeter).

Der Gesamtbetrag von 26 Millionen Dollar wurde auf ein Sperrkonto des Innenministeriums eingezahlt, wo er noch heute liegt und einschließlich Zinsen mittlerweile auf knapp 140 Millionen Dollar angewachsen ist.

Als die Schoschonen das Geld weiterhin nicht ausbezahlt haben wollten, entschied der weiße Vater in Washington eben für sie. Das Innenministerium, das nach US-Recht als Vormund aller Indianer im Land agiert, akzeptierte das Geld im Namen der Schoschonen.

Der Oberste Gerichtshof schloss sich 1985 dieser Auffassung an, und nun muss nur noch der Kongress das Gesetz verabschieden, das die Aufteilung der Gelder regelt: Gut 20.000 Dollar für jeden der etwa 6500 Berechtigten.

Ein Rechtstitel freilich lässt sich daraus nicht ableiten, wie Raymond Yowell betont, der seit 15 Jahren Häuptling der westlichen Schoschonen ist: "Die entscheidende Frage ist und bleibt: Wie habt ihr das Land gekriegt? Zeigt mir die Eintragung im Grundbuch."

Doch die gibt es eben nicht, und deshalb hegen auch die Amerikaner weiterhin Zweifel, wie sicher ihre Ansprüche sind. Nevadas Senator Harry Reid jedenfalls möchte zunächst die Entschädigung vom Tisch haben, bevor der Senat ein zweites Gesetz verabschieden kann, das ihm am Herzen liegt, den Northern Nevada Land Bill.

Dieser soll den Verkauf staatlicher Ländereien regeln und fördern. Potenzielle Käufer, so mutmaßt man beim "Western Shoshone Defence Project", würden wahrscheinlich verschreckt, solange noch irgendwelche schoschonischen Ansprüche bestehen, und seien sie auch noch so umstritten.

Zwischen Mutter Erde und Justitia

Senator Reid hat jedoch Verbündete unter den Schoschonen gefunden. Felix Ike vom schoschonischen Stamm der Te-Moak hat kürzlich eine Teilabstimmung unter seinen Leuten organisiert. Das Ergebnis war eindeutig: Gut 90 Prozent wollten das Geld. "Wir sind es müde, noch länger zu warten", meinte Ike. Die so genannten Traditionalisten indes fechten die Abstimmung als unrepräsentativ an.

Aber allen ist klar, dass mit der Auszahlung des Geldes die Akte endgültig geschlossen würde. "Das hat große Symbolkraft", sagt Lois Whitney, "denn es wäre das Ende unserer Hoffnungen. Und es wäre ein katastrophales Signal für alle anderen indianischen Nationen."

Felix Ike stimmt ihr zwar im Prinzip zu, aber er sieht die Dinge realistischer: "Die Traditionalisten sagen immer: Mutter Erde steht nicht zum Verkauf", höhnt er. "Schön und gut. Aber ich muss mich doch fragen, ob ich juristisch noch etwas tun kann. Aber diese Mittel sind erschöpft."

Auch Carrie Dann und ihre ältere Schwester Mary kennen sich aus mit dem Recht: Carrie ist Mitte 70, Mary Anfang 80, und beide Frauen betreiben im abgelegenen Crescent Valley bei Elko eine Ranch mit hunderten Pferden und Rindern.

Sie haben lange genug prozessiert vor amerikanischen Gerichten und einen Musterprozess geführt, um ein für alle mal den Rechtsanspruch der Schoschonen auf ihr traditionelles Land zu untermauern - vergeblich.

Nur eines kann Amerika ihnen und den anderen Indianern nicht nehmen: den spirituellen Wert des Landes. Denn nach indianischer Auffassung bedeutet Land nichts geringeres als Leben. Ohne Land gibt es kein Wasser, keine Nahrung, keine Tiere. Deshalb kann man Land nicht aufteilen und verkaufen, ebenso wenig wie man die Luft und das Wasser aufteilen und verkaufen kann.

"Die Erde gehört dir nicht", sagt Carrie und streichelt zärtlich über das Gras. "Wenn du stirbst, kannst du sie nicht mitnehmen. Du gehst zurück in die Erde. Du gehörst ihr."