SZ-Serie "Der Weg nach Berlin" "Tja" zu Steinbrück

Dürfen Genossen 25.000 Euro für eine Rede einstreichen? Nein, sagt Sabine Poschmann. Aber BMW fahren? Das schon. Die Dortmunder SPD-Direktkandidatin ringt im Wahlkampf mit den Nebeneinkünften des Kanzlerkandidaten Steinbrück. Trost findet sie am Sozi-Lagerfeuer.

Von Bernd Dörries

Politiker "sind doch alle gleich", lautet das Pauschalurteil vieler Deutscher. Sind sie nicht. Die Süddeutsche Zeitung begleitet bis zur Bundestagswahl 2013 sieben Menschen aus sieben Parteien auf ihrem Weg in die Politik - Fehler, Rückschläge und Niederlagen inklusive.

Weg nach Berlin Das ist Sabine Poschmann
Weg nach Berlin Flexmodul Grafilu

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Sabine Poschmann arbeitet bei den Stadtwerken einer Kommune im Ruhrgebiet, der es finanziell nicht besonders gut geht. Sie arbeitet bei den Stadtwerken Dortmund, die neulich den SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel zu Besuch hatten. Gabriel hielt dort eine Rede, Poschmann stand daneben. Das kann in diesen Tagen schnell zu einem Problem werden. Besonders, wenn man wie Poschmann, 44, für den Bundestag kandidiert.

Einige Tage nach dem Auftritt haben ein paar Journalisten bei Poschmann nachgefragt, ob es in Dortmund vielleicht einen zweiten Fall Steinbrück gebe. Gab es nicht, Gabriel ist kostenlos aufgetreten.

Das Thema ist aber noch da, in Poschmanns Dortmunder Wahlkreis, die 25.000 Euro, die Kanzlerkandidat Peer Steinbrück von den Stadtwerken Bochum bekam. "Das ist viel zu viel", sagt Poschmann. Über den Wettbewerber, die Stadtwerke von nebenan.

Auf die Frage, ob ein SPD-Kanzlerkandidat so viel Geld verdienen sollte, erzählt Poschmann die Geschichte ihres Vaters, eines Hauptamtlichen der Ruhr-SPD - hauptamtlich vom Beschäftigungsverhältnis als auch von der Überzeugung her. "Sozialdemokraten dürfen auch in Häusern wohnen", hatte der Vater immer gesagt. Dann, wenn jemand sich etwas Wohlstand erarbeitet hatte und von den Genossen schief angeguckt wurde.

Auf sich und die heutige Zeit bezogen, sagt Sabine Poschmann: "Genossen dürfen auch BMW fahren." So wie sie, einen kleinen Einser natürlich nur. Einerseits sei sie also der Meinung, dass es der Partei guttue, wenn sie jemanden habe, der so schlau ist, dass ihm die Leute dafür eine Menge Geld bezahlen. Andererseits sei da eben die Frage: "Wie nah dran ist so jemand noch an der Lebensrealität der Minijobber?"

Wenn man in Dortmund kandidiert, so wie sie, dann kann man sich gar nicht so sehr weit entfernen von den Realitäten dieser Stadt. Es ist der Donnerstagabend im Stadtteil Huckarde, früher gab es eine Zeche und eine Kokerei, heute ist es hübsch und grün und aufgeräumt, nur ein paar mehr Jobs könnte es geben. Poschmann ist zu einer Veranstaltung der ASF gekommen, der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen. "Frauen in der Politik: Gestern und heute." So lautet das Thema. Letztlich geht es vor allem um gestern.

Im großen Raum der evangelischen Gemeinde sind SPD-Fähnchen an die Wand geklebt worden, es flackern Teelichter. Sozialdemokratische Lagerfeueratmosphäre. Brunhilde Deubel, 85 Jahre, erzählt, wie es früher war, nach dem Krieg. Da hat sie die lokale SPD aus einem ausgebombten Friseursalon heraus aufgebaut. Dann der Aufstieg, der Region und der Partei: "Wir haben die Westfalenhalle mit Frauen gefüllt, nur von der ASF", ruft sie. Das haben die Jusos später auch geschafft, ruft einer im Saal. Und dann noch mal Gerd Schröder. Dann aber niemand mehr.

Und heute, mit Steinbrück, wie kriegt man es hin? "Tja", sagt Brunhilde Deubel. Dann gibt es Schnittchen.

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