SZ-Korrespondenten über US-Wahl Tobias Matern, Neu-Delhi, über Afghanistan

Tobias Matern, Neu-Delhi, über Afghanistan

Für die Afghanen verlief dieser Tag nicht sonderlich aufregend, auf den Basaren waren die Wahlen im fernen Amerika schon in den vergangenen Monaten nicht das dominierende Thema gewesen. Der Alltag der Menschen am Hindukusch ist von einem ganz anderem Datum geprägt, das der wiedergewählte Präsident Barack Obama in seiner ersten Amtszeit gesetzt hat: Ende des Jahres 2014 - dann werden die westlichen Kampftruppen das Land verlassen haben. Nur noch eine Ausbildermission für die afghanischen Sicherheitskräfte soll zurück bleiben. Diesem Termin blicken viele Afghanen regelrecht fatalistisch entgegen: "Für die Afghanen ist es wie ein sich lange vorher ankündigender Albtraum", sagt ein Analyst aus Kabul.

Allen Beteuerungen zum Trotz, Afghanistan werde nicht im Stich gelassen, ist die Angst groß, in einen Bürgerkrieg abzudriften oder eine erneute Machtübernahme der Taliban zu erleben. Wer es sich leisten kann, verlässt das Land. Das Gefühl, das Obama nach Ansicht der Menschen hier vermittelt: Wir wollen nur noch heraus aus Afghanistan, was danach kommt, interessiert uns nicht sonderlich. Die afghanischen Medien haben ausführlich über den US-Wahlkampf berichtet und auch unterstrichen, dass es dabei vor allem um innenpolitische Aspekte ging. "Den Afghanen war es ziemlich egal, ob Obama oder Romney die Wahlen gewinnt", sagte ein Student in der afghanischen Hauptstadt.

Beobachter sind sich aber sicher, dass im Präsidentenpalast in Kabul die Hoffnung überwogen habe, in den USA einen Machtwechsel zu erleben. Das Verhältnis zwischen den Präsidenten Karsai und Obama war von Anfang an angespannt, auch weil die Amerikaner gleich zu Beginn der Post-Bush-Ära dem afghanischen Staatschef offenes Misstrauen entgegenbrachten: Sie geißelten seinen laschen Kampf gegen die Korruption und suchten reichlich undiplomatisch vor der afghanischen Präsidentschaftswahl im Jahr 2009 nach einem Ersatz für Karsai. Das hat der Staatschef nicht vergessen.

Karsai war am Wahltag auf einer Reise nach Indonesien. Wie kühl seine persönliche Beziehung zu Obama sein muss, zeigte die Tatsache, dass er sich lange Zeit mit seiner Stellungnahme ließ. Er wünsche dem US-Präsidenten weiterhin "viel Erfolg", hieß es darin - viel mehr Worte verlor Karsai nicht.