SZ-Korrespondenten über US-Wahl "Als wäre Obama russischer Präsident"

Warum erwartet die Obama-freundliche Türkei seine zweite Amtszeit mit Skepsis? Wieso schmerzt Romneys Niederlage Israels Premier besonders? Und was wurmt die Inder an Präsident Obama? SZ-Korrespondenten berichten, wie die US-Wahl weltweit aufgenommen wurde - und was sie für einzelne Länder bedeutet.

Wie reagiert die Welt auf den Ausgang der amerikanischen Präsidentenwahl? SZ-Redakteure aus Kairo, Moskau, Tokio, Tel Aviv und anderen Städten berichten.

So sehen Sieger und Besiegte aus

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Peter Burghardt, Buenos Aires, über Lateinamerika

Die meisten Lateinamerikaner hätten Barack Obama gewählt, die meisten ihrer Verwandten in den USA haben das ja auch getan. Die Stimmen der Latinos waren bei Obamas Wahlsieg entscheidend. Die Republikaner haben südlich des Rio Grande wenig Freunde. Unter George W. Bush war die antiamerikanische Fraktion dort gewachsen, angeführt von Venezuelas Staatschef Hugo Chávez. Dem farbigen Demokraten sind der Öl-Sozialist aus Caracas und sogar Kubas Altrevolutionäre Fidel und Raúl Castro wohler gesonnen. Er würde Obama wählen, und Obama würde ihn wählen, behauptete Chávez, der kürzlich seine dritte Wahl gewann.

Das Verhältnis zu Washington bleibt dennoch gespalten. Außerdem will Obama von dieser geostrategischen Peripherie wenig wissen, im Wahlkampf kam die Region kaum vor. Einzig Aufsteiger Brasilien, Nachbar Mexiko mit seinen Immigranten und seinem Drogenkrieg sowie das renitente Kuba spielen im Weißen Haus und State Department eine gewisse Rolle. Und die Antidrogenbehörde DEA interessiert sich nach wie vor für das Kokain aus Kolumbien, Peru und Bolivien.

Lateinamerika wiederum orientiert sich inzwischen mehr an Brasiliens Erfolg als an den USA und hat seinen Aufschwung auch dem guten Geschäft mit China zu verdanken. Die Region ist selbstbewusst geworden. Mexikos neuer Präsident Enrique Peña Nieto dürfte trotzdem einer der ersten ausländischen Politiker sein, die Obama in seiner zweiten Amtszeit trifft. Kuba wartet derweil auch unter Obama vergeblich auf die Schließung des US-Lagers bei Guantánamo und das Ende des Handelsboykotts, die KP-Zeitung Granma aus Havanna schrieb: "Der Mieter im Weißen Haus wird sich mit einer schwierigen wirtschaftlichen Konjunktur auseinander setzen müssen, geprägt von Arbeitslosigkeit und Schulden in Höhe von mehr als 16 Billiarden Dollar, und außerdem mit einem extrem polarisierten Land, das in seiner Außenpolitik mit seiner kriegerischen Politik im Mittleren Osten feststeckt."

Argentiniens streitbare Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner versprach dem Kollegen Obama: "Seien Sie sicher, dass das argentinische Volk und diese Präsidentin beim Aufbau einer gerechteren und wenig gewalttätigeren Welt mit mehr Gleichheit immer auf Ihrer Seite sein werden." Am Donnerstag muss sich Frau Kirchner aber mit ihrem Volk auseinandersetzen, im heißen Buenos Aires stehen Proteste gegen ihre Regierung an.